Burial In The Sky – The Consumed Self

Dystopisches Meisterwerk

Artist: Burial In The Sky

Herkunft: Greater Philadelphia, PA, USA

Album: The Consumed Self

Spiellänge: 57:45 Minuten

Genre: Progressive Death Metal, Technical Death Metal

Release: 13.08.2021

Label: Rising Nemesis Records

Link: https://www.facebook.com/burialinthesky/

Bandmitglieder:

Gesang – Jorel Hart
Gitarre und Gesang – Brad Hettinger
Gitarre, Mandoline, Akkordion, Keyboard und Gesang – James Tomedi
Bassgitarre, Saxofon, Gesang – Zach Strouse
Schlagzeug, Perkussion, Keyboard – Sam Stewart

Gastmusiker:

Posaune – Patrick Crider
Trompete – Hayley Daub, Zach Prose
Spoken Word – Laura Dickerman
Gesang – Dorah (Regina Chioccarello)
Cello – Natasha Jaffe
Nylon – Stephen Larson
Tuba – Chris Lionus
Violine – Bronwyn Livezey
Theremin – Andrea Marras
Eufonium – Will Rachko
Waldhorn – James Tucker

Tracklist:

  1. The Soft Violet Light
  2. An Orphaned City
  3. On Wings Of Providence
  4. Amaurosis Shroud
  5. Wayfarer
  6. Mechanisms Of Loneliness
  7. Mountains Pt.1: To Ascend
  8. Mountains Pt.2: Empathy
  9. Caught In The Azure Cradle
  10. Anatomy Of Us

Extreme Musik und ein ganzes Ensemble aus Bläsern und Streichern? Da haben sich die amerikanischen Prog Deather von Burial In The Sky einiges vorgenommen. 2013 wurde die Band als Zwei-Mann-Projekt von Multiinstrumentalist James Tomedi und Sänger/Gitarrist Will Okronglis gegründet. Inzwischen sind Burial In The Sky zu einem Quintett angewachsen. Sänger Jorel Hart, der auch schon auf dem letzten Album Creatio Et Hominus zu hören war, ist nun fest an Bord. Am Bass und am Saxofon ist ebenfalls wieder Zach Strouse zu bestaunen. Dieser steuerte auch das Sax zum gefeierten River Of Nihil Album Where Owls Know My Name bei.

Dem ambitionierten Konzeptalbum The Consumed Self ist die Kurzgeschichte The Soft Violet Light beigefügt. Ohne zu viel vom Szenario zu verraten, möchte ich doch kurz auf die Story eingehen: Die Protagonistin Evelyn Galvinez lebt in einer dystopischen Welt abgekapselt „nach der Atombombe“. Die verbliebene Menschheit lebt von Medikamenten kontrolliert in zwei Parteien: Die „Chrom-Elite“ verrichtet die intelligente und durchdachte Arbeit eines hochklassigen Individuums, während die „Cäsium-Arbeiter“ den Dreck der Chrom-Elite beseitigen oder in den SSDMI-Mineralminen arbeiten.

Die Geschichte hat mich wirklich zusammen mit der über Kopfhörer eingespielten Musik eine Stunde lang gefesselt. Ich bin in den Charakter von Evie eingetaucht. Ein Endzeit-Szenario irgendwo zwischen Michael Marshall Smith Roman Spares bzw. dem darauf aufbauenden Film Die Insel und Suzanne Collins The Hunger Games ohne den Kitsch. Wer sich in einer schnelllebigen Zeit diese Mühe macht und auch noch sämtliche Songtexte beifügt, der erhält schon mal eine Lkw-Ladung Vorschusslorbeeren. Das brillante Artwork von Justin Abraham rundet den Charakter des Albums perfekt ab.

„I see true colors in this soft violet light. Morning plumes of rust stain me like wine. My body shakes at the softest sound. I walk with poise for the slightest noise brings the vultures down.“ Beim ersten Hören des Intros The Soft Violet Light haben mich diese Zeilen noch nicht berührt. Doch jetzt, wo ich die Geschichte kenne, läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken. Gänsehaut am ganzen Körper. Das sanfte Licht in meinen Träumen zerplatzt durch die Growls und Blastbeats in An Orphaned City wie eine Seifenblase. Der Gesang ist durch Jorel Hart und seine Kollegen am Mikro unglaublich variabel. Von klassischen Death-Growls und Black-Metal-Screams bis hin zum starken Cleangesang ist alles dabei. Das Saxofon im Mittelteil lädt wieder zum Traumtanzen ein. Überhaupt ist The Consumed Self eines der ersten Alben, auf denen ich das Sax nicht als aufdringlich empfinde, sondern sogar perfekt integriert. Normalerweise gehe ich diesem Instrument aus dem Weg.

Eigentlich empfehle ich jedem Hörer, das Album am Stück inklusive Kurzgeschichte zu konsumieren. Nichtsdestotrotz haben die einzelnen Songs so viele Feinheiten, über die es sich zu philosophieren lohnt. So auch das nächste Stück On Wings Of Providence. Hettinger und Tomedi liefern keinen Selbsthilfekurs für Schlafzimmer-Gitarristen, sondern haben bei all ihrem Können immer ein Ohr für songdienliche Passagen. Die coolen Breaks über sanften Klängen gegen Ende des Songs sorgen für heftige Gefühlsausbrüche.

Saxofon und Akustikgitarre erzeugen eine friedliche, aber trügerische Atmosphäre zu Beginn von Amaurosis Shroud. Mr. Hart macht seinen Job richtig und reißt nach einigen Sekunden wieder alles ab. Im Mittelteil wird dann durch gefühlvolles Becken- und Bassspiel ein kleiner Hautfetzen aus den stählernen Klauen der Geier gezogen. An dieser Stelle möchte ich auch die herausragende Produktion von Carson Slovak und Grant McFarland von Atrium Audio hervorheben. Diese vielschichtigen Strukturen unter einen Hut zu bekommen, zeugt von wahrem Talent. Das haben sie auch schon bei Aufnahmen für u. a. August Burns Red, River Of Nihil und Black Crown Initiate bewiesen. Einzig die Gastmusiker sind zeitweise nur in der Ferne zu erahnen, was vielleicht auch gewollt ist.

Das dreiminütige Instrumental Wayfarer leitet zu einem weiteren hervorstechenden Song namens Mechanisms Of Loneliness über. Diese Melodie, erzeugt durch Gitarrenriffs, ist einfach über jeden Zweifel erhaben. Die Vocals reißen wieder einmal alles in Stücke und spucken die Knochen aus, die dann von tonnenschweren Gitarrenwänden pulverisiert werden. Kurz darauf wird ein Saiten/Saxofon-Soloduell auf die Leinwand projiziert und lässt mich mit heruntergeklappter Kinnlade zurück.

Nach diesem Ritt wartet das Doppel Mountains Pt.1: To Ascend und Mountains Pt.2: Empathy auf mich. Im ersten Teil ertönt der bellende Gesang zum Stakkato-Rhythmus und bereitet auf das finale, eindrucksvolle Solo vor. Passend zur Story wirkt die Stimmung im zweiten Teil zunächst gedrückt. Auf fast schon zerbrechliche Gesänge folgen Sax- und Gitarrenharmonien, die sogar Fans von Pink Floyd glücklich machen dürften. Doch wir sind hier in der Abteilung Prog Death, also gibt’s auch „aufs Maul“. Die stark verzerrten Growls weisen den Weg. Doublebass und Gitarrensoli besorgen den Rest.

Die finalen 20 Minuten von The Consumed Self liegen vor mir. Vor allem was den technischen, progressiven Aspekt angeht, legen Burial In The Sky die Latte noch mal ein Stück höher. Caught In The Azure Cradle „prog-deathed“ sich gewaltig durch die Gehörgänge und wird immer wieder von feinen Cleanvocals durchzogen. „One last time and it’s over“ lautet nicht nur eine Zeile des Songs, nein, sie lässt mich auch über das bisher Gehörte nachdenken. Keine Zeit dafür, denn der letzte und gleichzeitig längste Song wartet auf mich. Anatomy Of Us wird von fast schon gehauchten Gesangslinien eingeleitet und von akustischen Gitarrenklängen untermalt. Spätestens ab Minute drei des über zwölfminütigen Songs beginnt die wilde Fahrt durch alle bisher genannten Genres erneut mit einer Detailtreue und Hingabe, dass ich vor Ehrfurcht erstarre.

Ich habe mich kürzlich beim Extreme Metal Highlight Sarcoma von den Amerikanern Alluvial schon vor Begeisterung überschlagen (zum Review). Ohne die Bands eins zu eins vergleichen zu wollen, setzen Burial In The Sky noch einen obendrauf.

Burial In The Sky – The Consumed Self
Fazit
Ich hätte nie gedacht, dass mich ein extremes Metalalbum mal so sehr berührt. Im Abspann der beigefügten Kurzgeschichte schreibt James Tomedi: „The Soft Violet Light wurde geschrieben, um das Eintauchen in die volle Länge der Platte The Consumed Self zu vertiefen. Nur diese Geschichte zu lesen oder nur die Platte zu hören, wird deine Perspektive einschränken.“ Damit hat er recht. Wer so viel Herzblut investiert, kann „verlangen“, dass das große Ganze konsumiert wird – bestenfalls mit Zeit und Ruhe. Ich habe es nicht bereut. Nach den letzten Outputs von Rivers Of Nihil und Black Crown Initiate absoluter Pflichtstoff in diesem Genre. Das Gesamtkonzept verdient die Höchstnote, obwohl ich diese niemals leichtfertig vergebe.

Anspieltipps: Am besten das gesamte Album mitsamt der Kurzgeschichte genießen. Wer dennoch reinhören möchte: On Wings Of Providence und Mechanisms Of Loneliness
Florian W.
10
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