Palm Reader – Sleepless

Intensiv, aufwühlend und mit dunklen Wassern gewaschen

Artist: Palm Reader

Herkunft: Nottingham, England

Album: Sleepless

Spiellänge: 47:53 Minuten

Genre: Post Hardcore, Alternative Metal

Release: 28.05.2021

Label: Church Road Records

Link: https://www.facebook.com/wearepalmreader

Bandmitglieder:

Gesang – Josh Mckeown
Gitarre – Andy Gillan
Gitarre – Sam Rondeau-Smith
Bassgitarre – Josh Redrup
Schlagzeug – Dan Olds

Tracklist:

  1. Hold/Release
  2. Stay Down
  3. Ending Cycle
  4. Willow
  5. A Bird And Its Feathers
  6. Islay
  7. False Thirst
  8. Brink
  9. A Love That Tethers
  10. Both Ends Of The Rope

Post Hardcore aus England die Zweite – zumindest was meine besprochenen Platten in diesem Jahr angeht. Da Devil Sold His Soul (zum Review) schon beachtlich vorgelegt haben, bin ich gespannt, was ihre Landsmänner von Palm Reader zu bieten haben. Das vierte Album Sleepless erschien im November 2020 in UK und hat bereits diverse Lobeshymnen der Schreiberkollegen eingeheimst. Pandemie-bedingt verzögerte sich die Promotion in unseren Gefilden bis jetzt und so kommen Genrefans aus D-A-CH am 28.05. in den Genuss einer limitierten Vinyl-Auflage. Digital ist Sleepless bereits erhältlich.

Galten Palm Reader mit dem 2018 veröffentlichten und von Kritikern gefeierten Album Braille noch als britische Antwort auf die ehemalige amerikanische Mathcore-Institution The Dillinger Escape Plan, so ruht sich das Quintett nicht auf diesem Erfolg aus, wie Gitarrist Andy Gillan berichtet: „Ich glaube nicht, dass es für Musiker gesund ist, immer und immer wieder das Gleiche zu schreiben, denn sobald Bands ihre Formel gefunden haben, werden sie scheiße!“ Sleepless soll die Band nicht mehr durch enge Genre-Grenzen definieren, sondern individuelle Merkmale des Bandsounds in den Vordergrund stellen. Wer jetzt denkt, dass die Band wie einige ihrer Kollegen in trüben Pop-Gewässern fischt, dem kann ich hiermit die Angst nehmen: Palm Reader haben ihren Mix aus Emotionen und Härte mal wieder gefunden.

Laut Sänger Josh Mckeown sind die Songtexte auf Sleepless ein Plädoyer für Empathie in einer Zeit, in der dieses Mitgefühl oft schmerzlich vermisst wird. Wie so viele andere Bands dieser Tage auch, würde ich die Thematik also durchaus als „covidesk“ bezeichnen – sozusagen von der Pandemie und dem damit verbundenen Schmerz geprägt. So geht es im Opener Hold/Release z. B. um den falschen männlichen Stolz und die damit verbundene Unart, ihre Probleme für sich zu behalten. Musikalisch dominieren die gewaltigen Drums von Dan Olds, über die Sänger Josh seinen gewohnten Mix aus Melancholie und zerberstenden Stimmbändern vergießt. Auffällig ist auch der Keyboardsound, der den Briten eine neue, starke Nuance hinzufügt.

Da sind sie ja wieder, die Hardcore-Roots von Palm Reader. Stay Down ist der Songtitel und „get up“ das Motto der Nummer, die einen Knoten in die Hirnwindungen der Radio-Pop-Gemeinde spielt. Wieder legt sich ein Keyboardteppich aus Ambientsounds über brachiale Riffs, ohne dabei zu sehr im Rampenlicht zu stehen. Im krassen Gegensatz dazu steht der nächste Song Ending Cycle. Die Gitarren werden im Zaum gehalten, leicht progressive Tendenzen schleichen sich ein und die laut-leise Dynamik explodiert im mächtigen Refrain. Spannungsbögen haben sie drauf, die „Handleser“ aus Nottingham.

Der Baum Willow (dt. Weide) stellt den symbolischen Verlust, aber auch einen Fixpunkt der Hoffnung dar. Wow, was für ein intensiver Song, der das Innere nach außen kehrt. Dieser wird jedoch prompt vom abgrundtief finster und bedrohlich anmutenden Liebeslied A Bird And Its Feathers überschattet. Kein 80er-Jahre Schmachtfetzen, sondern eher im Sinne von Deftones Digital Bath – bedrohlich und schön. Er endet wie auch sonst, mit einer Staubwolke aus Bläsern, die diesen Trip perfekt zurück ins Licht führen.

Islay kommt ohne Gesang aus und leitet dramaturgisch zu False Thirst über. Pianoklänge weben ein fragiles Konstrukt, durch das immer wieder Mckeowns verzweifelte Schreie dringen. Im großen Finale bricht das Gebilde schließlich unter tonnenschweren Gitarrenwänden zusammen: „Should it be easy?“

Nanu, die ersten Sekunden von Brink lassen mich tatsächlich an einen Pop-Punk-Song denken. Weit gefehlt, denn Palm Reader reiten den Drachen weiter an den Rand des emotionalen Abgrunds. Noch deutlicher als zuvor verneigen sich die Briten in A Love That Tethers vor den Amerikanern Deftones. Disharmonischer, verzerrter Gesang und Breaks dringen in jede Faser meines Körpers.

Both Ends Of The Rope schiebt mich zunächst sanft zur Tür hinaus, bevor der Tritt mit Sprechgesang, Gitarrensoli und ein wenig Bombast zum Ende heftiger wird – what a ride!

Palm Reader – Sleepless
Fazit
Wenn ich Sleepless schon zur eigentlichen Veröffentlichung im November auf dem Tisch gehabt hätte, wären die Songs schon tief in meinen Hirnwindungen verwurzelt. So hat das aktuelle Album von Palm Reader noch Hunderte Umdrehungen vor sich. Ein einschneidender Eingriff in die Gefühlswelt – intensiv, aufwühlend und mit dunklen Wassern gewaschen. Großartig, was gerade im Bereich Post Hardcore von der Insel kommt.

Anspieltipps: A Bird And Its Feathers, False Thirst und A Love That Tethers
Florian W.
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