Sojourner – Premonitions

Das hätte was ganz Großes werden können

Artist: Sojourner

Herkunft: International

Album: Premonitions

Spiellänge: 56:35 Minuten

Genre: Atmospheric Black Metal

Release: 08.05.2020

Label: Napalm Records

Link: https://www.facebook.com/metalsojourner

Bandmitglieder:

Gesang – Emilio Crespo
Gitarre, Gesang – Chloe Bray
Gitarre, Keyboards – Mike Lamb
Bassgitarre – Mike Wilson
Bassgitarre Live – Scotty Lodge
Schlagzeug – Riccardo Floridia

Tracklist:

  1. The Monolith
  2. Eulogy For The Lost
  3. The Apocalyptic Theater
  4. Talas
  5. Fatal Frame
  6. The Deluge
  7. Atonement
  8. The Event Horizon

Kennen wir das nicht alle? Man hört einen Song oder ein komplettes Album und denkt dabei: Hört sich wirklich großartig an, aber irgendwas fehlt noch, das es zu etwas Einzigartigem werden lässt – sei es eine erhabene Melodie, die jetzt gespielt werden könnte, ein gelungener Break oder einfach nur ein Rhythmuswechsel; aber nichts dergleichen – der Song plätschert weiter vor sich hin, Minute um Minute. Genau dieses Gefühl werde ich beim Anhören der neuen Scheibe Premonitions von Sojourner das eine oder andere Mal einfach nicht los.

Das nennt man mal eine steile Karriere: Erst 2015 gegründet, wurde das Talent der Band früh erkannt. Man schnappte sich gleich einen Deal bei Avantgarde Music und veröffentlichte 2016 das Debüt Empire Of Ash, sowie 2018 den Nachfolger The Shadowed Road beim italienischen Label. 2019 unterschrieben sie einen Vertrag bei Napalm Records, bei denen heuer das neue Album Premonitions der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Und das alles bei einer Band, deren Mitglieder über den kompletten Erdball verteilt sind: von Italien, Schweden, Schottland bis hin nach Neuseeland.

Auch auf ihrem neuesten Werk bleiben Sojourner ihrem Stil treu. Geboten wird atmosphärischer Black Metal, der meist im gediegenen Midtempo angesiedelt ist und gesanglich vom „die Schöne und das Biest“ Thema lebt. Auf der einen Seite steht das hervorragende Gekeife von Emilio Crespo, welches den Songs die nötige Aggressivität verleiht und, songdienlich eingesetzt, nicht so weit in den Vordergrund abgemischt wurde. Auf der anderen Seite steht der engelsgleiche Gesang der Gitarristin Chloe Bray, die generell eine gute Figur abgibt, aber gerade beim eher höhepunktarmen Opener The Monolith einige kleine Wackler in ihrer stimmlichen Pracht offenbart. Besser wird es bei Eulogy For The Lost. Die Hookline wird griffiger, die überraschend positive Ausstrahlung des Songs wird greifbarer und durch ein wunderschönes Solo noch unterstrichen. Bei The Apocalyptic Theater wird erstmals auch das Tempo variiert, was der Abwechslung durchaus zugutekommt und zugleich eine Atmosphäre erzeugt, der man sich nicht entziehen kann; und trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass dieses gewisse i-Tüpfelchen noch fehlt. Die anfangs eher glanzlose Halbballade Talas entwickelt sich erst gegen Ende, nach Einsetzen der E-Gitarren, sowie Crespos Gesang doch noch zu einem kleinen Highlight.

Doch die zwei besten Songs kommen erst noch! Nach den wunderschönen Pianoklängen, welche das geniale und immer wiederkehrende Hauptthema bei Fatal Frame einleiten, wird erst mal geknüppelt. Herrlich, genau so muss es klingen! Durch seine gezielt gesetzten Breaks ist es eine der wenigen Kompositionen, die die Spannung bis zum Schluss auf höchstem Niveau aufrechterhalten kann. Und danach The Deluge: Was für ein Song! Hier stimmt einfach alles. Eine von einer erhabenen Melodie getragene Strophe, abgelöst von einem großartigen Refrain, der seinesgleichen sucht. Hier passt Chloes Gesang wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge und der Rezensent weiß nicht, ob er lachen oder vor Rührung weinen soll – Gänsehaut pur! Hätten alle Titel auf Premonitions nur annähernd diese Qualität, würden wir über eine Punktevergabe in schwindelerregender Höhe sprechen.

Atonement kann das eingeschlagene Niveau leider nicht mehr halten und leidet unter dem in meiner Einleitung genannten Problem: ein durchaus guter Song, der aber keine nennenswerten Glanzpunkte setzen kann und daher nur guter Durchschnitt ist. Das abschließende The Event Horizon bietet eine grandiose Gesangspassage im Mittelpart, zu der sich Chöre im Hintergrund gesellen, leidet aber ansonsten genau an den gleichen Symptomen wie Atonement. Hier wäre noch so viel mehr möglich gewesen!

Sojourner – Premonitions
Fazit
Sojourner legen mit Premonitions ihr bislang reifstes Album ab. Die sympathischen Weltenbummler verstehen es, Songs zu schreiben, die durch ihre teils hervorragenden Gitarrenläufe, dem Wechselgesang und der einzigartigen Atmosphäre begeistern können. Ausnahmesongs wie The Deluge und Fatal Frame bekommt man in dieser Qualität höchst selten zu hören. Sie stehen aber auch einem Potpourri an verschenkten Möglichkeiten gegenüber, bei denen die Band ihr großes Potenzial einfach nicht abrufen kann. Ich weiß, das ist Nörgeln auf hohem Niveau und ich bin mir sicher, dass mit Album No. 4 das erhoffte Meisterwerk erscheinen wird. Der Grundstein ist gelegt…

Anspieltipps: The Deluge, Fatal Frame und Eulogy For The Lost
Christian K.
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