Decapitated – Anticult

“Decapitated haben ihren Sound gefunden und kommen mit Macht“

Artist: Decapitated

Herkunft: Krossen, Polen

Album: Anticult

Spiellänge: 37:50 Minuten

Genre: Technical Death Metal, Death Metal

Release: 07.07.2017

Label: Nuclear Blast Records

Link: http://www.decapitatedband.net/

Produktion: Custom34 Studio & Zed Studio Chechlo, Polen von Waclaw Vogg Kieltyka

Bandmitglieder:

Gesang – Rafal „Rasta“ Piotrowski
Gitarre – Waclaw „Vogg“ Kieltyka
Bassgitarre – Hubert Wiecek
Schlagzeug – Michal Lysejko

Tracklist:

  1. Impulse
  2. Deathvaluation
  3. Kill The Cult
  4. One-Eyed Nation
  5. Anger Line
  6. Earth Scar
  7. Never
  8. Amen

Die vier Jungs um Decapitated mussten sich in den letzten Jahren vieler Kritik ihrer Fans aussetzen, in der es hauptsächlich darum ging, dass sich ihr Stil im Vergleich zu ihren ersten Werken angeblich zu sehr verändert hat. Wurden die Tech-Deather Anfang der 2000er noch mit alten Größen, wie Morbid Angel verglichen und als neuer Stern am Death Metal-Himmel bezeichnet, änderte sich dies spätestens nach dem Erscheinen der letzten zwei Werke. Nach knapp vierjähriger Bandunterbrechung bestimmt durch den tragischen Busunfall im Jahr 2007 bei dem Ex-Gründungs-Drummer und Bruder von Gitarrist Vogg, Witold „Vitek“ Kieltyka ums Leben gekommen ist und Sänger Covan nach schweren Kopfverletzungen die Band verlies, stellte sich Vogg des schlimmen Schicksalsschlags der Band und fuhr zu Ehren seines Bruders mit dieser fort.

Nachdem die Polen 2010 mit Kataklysm zum ersten Mal wieder Konzerte spielten, veröffentlichte das Quartett mit neuem Label Nuclear Blast 2011 das im Vergleich zu früheren Werken etwas andere Carnival Is Forever und entfernten sich 2013 mit Blood Mantra immer mehr von ihrem „alten“ Stil indem sie nicht mehr zu 100% auf die alte Tech-Death-Schiene setzten. Dadurch war das Geschrei der Oldschool-Fans natürlich groß, es boten sich aber gleichzeitig auch neue Möglichkeiten den Horizont der Band zu erweitern und neue Fans zu gewinnen. Nichtsdestotrotz erzielte die Truppe auch sehr gutes Feedback und legte die Messlatte für den neuen Silberling Anticult, welcher am 07.07.2017 via Nuclear Blast weltweit erschienen ist ziemlich hoch. Wird das Album rund um seine knapp 40 Minuten eher ein Stück weit Back to the Roots sein oder knüpft es doch an dem sehr facettenreichen Blood Mantra an?

Jetzt aber genug mit der Bandgeschichte … Das erste Stück Impulse ist ein sehr treffender Song, um zu zeigen, was in den nächsten knapp 40 Minuten auf den Hörer einhämmern wird – angefangen mit ruhigen Tönen, gefolgt von gewohnt starken Riffs (Voggs Gitarrenton ist kaum zu übertreffen), Blastbeats, welche einem direkt in die Fresse hauen, einem Geschrei von Sänger „Rasta“, was seinesgleichen sucht, einem melodiösen Solo und einem wieder ruhigen Ende bzw. Übergang in den zweiten Song Deathvaluation. So viel auf einmal und doch die richtige Mischung! Was will man da noch mehr? Es scheint, als ob Anticult ein Mix der kompletten Decapitated Diskografie werden wird! Das eben schon erwähnten Deathvaluation erinnert an schwedischen Old-School Melodic Death à la In Flames oder Soilwork und ist mit seinem Gitarrenklang und einem sehr griffigen Refrain das wohl melodischste Stück des Albums.

Eins muss man Decapitated auf jeden Fall lassen: Sie wissen genau wie man die Übergänge von einem zum nächsten Lied gestaltet. Die Einleitung zum vierten Song Kill The Cult baut sich langsam auf und haut einen dann mit dem wohl besten Riff, den Decapitated je geschrieben haben einfach um. Sie schaffen es nahezu perfekt ihren neu gefundenen Groove mit alten und neuen Death Metal Elementen zu vermischen. Mit der einem Tag vor dem Release des Albums erschienenen dritten Single One-Eyed Nation und dem fünften Song im Bunde Anger Line könnte die alte Zuhörerschaft sehr erfreut sein – hier geht es eher um Blastbeats und starken Solos, die eben sehr an frühere Kompositionen erinnern. In einem Interview erzählte Vogg, dass er im Grunde alle Solosektionen direkt eingespielt und nicht allzu viel an ihnen herumgefeilt hat, was man meiner Meinung nach hört und somit einen frischen Wind auf das gesamte Album wirft.

Wer Decapitated in letzter Zeit etwas verfolgt hat, wird die nächsten zwei Stücke Earth Scar und Never bereits kennen. Dies sind wohl die experimentierfreudigsten Werke des Albums und wurden wahrscheinlich gerade deshalb auch vorab als Singles veröffentlicht. Earth Scar überzeugt erneut mit einem fetten Riff und einem stimmlich immer besser werdenden Rasta. Der im Gesamten sehr überzeugendende Song verfügt über die wohl größten Parallelen zu den beiden Vorgängeralben und doch passt es perfekt zum Stil von Anticult. Never stimmt erneut mit einem ruhigen Moment von Gitarrist Vogg ein und fährt mit eindrucksvollem Riffing und einer sehr Breakdown ähnlichen Hook fort, in dem mit Sicherheit kein Pit auf den anstehenden Konzerten stillstehen wird. Das achte und somit letzte Lied Amen lässt einen nach 35 Minuten voll auf die Fresse mal wieder aufatmen. Das Instrumentalstück mit einer sehr düsteren, sogar schon fast doomigen Stimmung stellt sich jedoch als sehr stilvollen Abschluss da.

Fazit: Ich kann einfach nicht nachvollziehen, warum im Jahr 2017 immer noch kein Verständnis dafür aufgeboten wird, wenn sich eine Band weiterentwickelt, verändert oder einfach noch der Suche ihren eigenen Sound zu finden. Gerade Decapitated sind ein Paradebeispiel dafür, dass es ganz normal ist sich weiterzuentwickeln, woraus logischerweise auch ein anderer Sound hervorkommen kann. Die Truppe hat bei der Gründung (mit jungen 13 Jahren auf der Brust) selbstverständlich andere Einflüsse und Vorbilder gehabt, als sie jetzt siebzehn Jahre später haben, dabei schaut doch jeder von uns auch mal über den Tellerrand hinaus und hört neben Cannibal Corpse und Morbid Angel vielleicht auch gerne mal Dream Theater oder sogar die Scorpions. Aber genug des Guten, Decapitated haben meiner Meinung nach mit Anticult alles richtiggemacht und sind so stark wie nie. Sie haben endlich ihren Sound gefunden und dem Album eine Persönlichkeit gegeben, eben genau das versuchen die Jungs auf diesem Album zu festigen – das merkt man den Songs ganz klar an. Es kommen viele neue, moderne Elemente zum Vorschein und trotzdem werden die alten keineswegs vernachlässigt. Kamen dem ein oder anderen die beiden Vorreiter noch etwas zu ausufernd vor, wird er schnell merken, dass bei Anticult alles seinen Platz hat und hervorragend miteinander funktioniert. Ich denke gerade die groovigen Parts eingeschlossen den markanten Riffs, den melodiösen Solis oder den auch mal etwas ruhigeren Momenten könnten sich in naher Zukunft zu einem Markenzeichen Decapitated’s verwandeln und scheinen genau das zu sein, was die Band ausmacht. Die Polen sind nicht umsonst jetzt schon große Vorbilder junger, moderner Death Metal oder Death Core Bands. Auch textlich werden auf der Scheibe uns alle betreffende Themen wie Individualismus und wollen damit sagen, dass jeder seinen eigenen Standpunkt haben sollte und man sich nicht von der Masse mitreisen lassen sollte. Somit hat Anticult definitiv das Zeug dazu dieses Jahr ganz oben mitzuspielen.

Anspieltipps: Impulse, Kill The Cult und Never
Julian N.
9.5
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