Dream Theater – A View From The Top Of The World

Das Traumtheater sorgt auch nach über 30 Jahren für einen malerischen Ausblick

Artist: Dream Theater

Herkunft: New York, USA

Album: A View From The Top Of The World

Spiellänge: 70:14 Minuten

Genre: Progressive Metal

Release: 22.10.2021

Label: InsideOut Music

Link: https://dreamtheater.net/

Bandmitglieder:

Gesang – James LaBrie
Gitarre – John Petrucci
Bassgitarre – John Myung
Keyboard – Jordan Rudess
Schlagzeug – Mike Mangini

Tracklist:

  1. The Alien
  2. Answering The Call
  3. Invisible Monster
  4. Sleeping Giant
  5. Transcending Time
  6. Awaken The Master
  7. A View From The Top Of The World

A View From The Top Of The World ist das mittlerweile 15. Studioalbum der amerikanischen Prog-Ikonen von Dream Theater. Schön, dass ich bei so viel musikalischem Input durch Time For Metal noch immer schwitzige Hände bekomme, wenn meine Lieblingsband an der Tür klopft. Wie wichtig der Stellenwert auch nach über 30 Jahren für mich persönlich und die Szene ist, bewies die Band mit dem letzten Studiowerk Distance Over Time und dem dazugehörigen Livealbum Distant Memories – Live In London. Lediglich das 2016er Konzeptwerk The Astonishing verwehrt mir nach wie vor den Zugang und den damit verbundenen Ausnahmemoment.

Was ist nach so vielen Jahren neu im Hause Dream Theater? Zunächst mal ist A View From The Top Of The World das erste Studioalbum, das im neuen Dream Theater Headquarter (DTHQ) aufgenommen wurde. Das DTHQ bietet den Bandmitgliedern ein Studio, einen Proberaum, ein Lagerraum für Equipment und einen kreativen Rückzugsort. Hier entstanden auch schon das letzte Werk von Liquid Tension Experiment und das zweite Petrucci-Soloalbum Terminal Velocity. Die Aufnahmesession des Soloalbums initiierte auch die erste Zusammenarbeit von Dream Theater mit Produzentenlegende Andy Sneap (u. a. Opeth, Nevermore, Kreator), der für den Mix und das Mastering der sieben neuen Songs verantwortlich war und einen herausragenden Job ablieferte. Aufgrund der Pandemie arbeiteten alle Bandmitglieder bis auf Sänger James LaBrie im DTHQ am neuen Material. LaBrie wurde via Zoom von Kanada aus zugeschaltet und stieß im Verlauf des Songwritings für die Gesangsaufnahmen zur Band. Zudem gibt es für die Fans das erste Mal seit Illumination Theory (2013) wieder ein Epos, das die 20-Minuten-Marke knackt. Saitenhexer John Petrucci packt erstmals die achtsaitige Klampfe aus. Das limitierte Modell Majesty 8 aus dem Hause Music Man kann im Tausch gegen das passende Kleingeld (4.200 $) erworben werden. Alles gute Voraussetzungen für eine erneute Großtat einer der einflussreichsten Prog-Metalbands der Geschichte?

Bevor ich mich ganz der Musik hingebe, darf das grandiose Coverartwork nicht unerwähnt bleiben. Wie schon auf vergangenen DT-Outputs entstammt es dem kreativen Geist von Hugh Syme. Der Kanadier veredelt seit Mitte der Siebziger Platten von Rush über Fates Warning bis hin zu Flying Colors. Dieser Ausblick gefällt mir deutlich besser als der olle Schädel auf Distance Over Time.

Die erste Nummer The Alien ist den Neugierigen unter uns schon seit Mitte August bekannt und ist gleichzeitig das erste Stück auf A View From The Top Of The World, welches die Band geschrieben hat. Als Single musste der Song für meine Ohren erst wachsen, funktioniert aber im Albumkontext umso besser. Inhaltlich ließ sich James LaBrie von den beiden Visionären Elon Musk und Joe Rogan und ihrer planetaren Theorie inspirieren. Die Menschen sind die Reisenden, die eine neue Welt erschaffen können und somit zum Alien werden. Musikalisch ließe sich der Opener in einem Satz verpacken: Mangini on fire! Alleine die Passage ab Minute 5:25 ist zum Niederknien. Nicht nur, dass der Drummer endgültig aus dem Schatten seines allgegenwärtigen Vorgängers Mike Portnoy springt, Andy Sneap war auch in der Lage ihm endlich einen organischen Drumsound zu verpassen. Ein Thema, das sich seit Manginis Einstieg im Jahr 2010 immer wieder durch die Fan-Foren gezogen hat. Technisch klasse, aber der Sound zu klinisch. Das gehört mit diesen Aufnahmen hoffentlich der Vergangenheit an. Dass die Chemie zwischen den Bandmitgliedern stimmt, kann man auf der Live In London DVD perfekt nachempfinden. Die harte, aber vertrackte Marschrichtung ist vorgegeben.

Neben Mangini darf im nächsten Titel Answering The Call vor allem Keyboard-Wizard Jordan Rudess glänzen. Der spacige Beginn versprüht sogar einige Vibes des ehemaligen DT-Tastengenies Kevin Moore. Danach herrscht aber wieder die unverkennbare Handschrift des Wizards. Synthies und Pianos erheben sich über den eher simpel gehaltenen Stakkatoriffs. Die Hooks setzen im Vergleich zu The Alien noch einen oben drauf und lassen sämtliche Nackenhärchen zu Berge stehen. Der „Gedankengang“ im Mittelteil lässt mich von der Aussichtsplattform direkt ins Jahr 2003 schauen. Highlight-Alarm!

Foto: Rayon Richards

Beim ebenfalls vorab veröffentlichten Invisible Monster kam mir zunächst folgender Gedanke: Halleluja, man kann die Grooves des „stillen Basswunders“ John Myung hören, ohne seine Lauscher auf die Lautsprecher zu pressen. Andy Sneap du Genie, bitte bleib der Band erhalten. Es folgt ein Singalong-Refrain, gepaart mit Old School Feeling von Images And Words und Scenes From A Memory. Nicht unbedingt der Titel, der sofort heraussticht, aber dennoch ein schön groovender Midtempo-Song mit feinen Details wie dem Cembalo-Einsatz von Jordan Rudess im Soloteil. Thematisch verfolgt den Hörer ein unsichtbares Monster, das die Ängste symbolisiert, die uns alle mehr oder weniger stark quälen.

Der Sleeping Giant macht einen kleinen Schritt über die 10-Minuten-Marke. Die Handlung umfasst die Auseinandersetzung mit der eigenen dunklen Seite. Lebe vollkommen, aber treibe das Böse nicht bis zum Äußersten und wecke auf keinen Fall den schlafenden Riesen. Gitarren und Drums haben einen spannenden Aufbau, der von dreckigem Hammond-Gedröhne unterlegt wird. LaBrie trägt erneut einen wundervollen Refrain in die Menge und ich werde das Gefühl eines Filmsoundtracks nicht los. Dass die Jungs nach 36 Jahren noch Bock auf neue Ideen haben, wird von Sleeping Giant untermauert. Dazu passt auch folgende Aussage von Mr. Petrucci: „Wir lieben es einfach, unsere Instrumente zu spielen. Das geht nie verloren. Jedes Mal, wenn wir zusammenkommen, wissen wir, dass wir uns selbst und unsere Fans nicht enttäuschen dürfen, also geben wir uns noch mehr Mühe.“ An dieser Stelle darf auch eines der legendären Rudess/Petrucci-Duelle nicht fehlen, die mich jedes Mal in einen Zen-artigen Zustand der Glückseligkeit versetzen.

Im Gegensatz zu Invisible Monster sticht Transcending Time sofort hervor. Beschwingte Momente aus Zeiten von Six Degrees… kommen auf. Das Ding fließt, es elektrisiert, es hat Momente, die nur Dream Theater erzeugen können. Es lässt mich gedanklich auf Wellen reiten. Keyboardsounds aus längst vergangenen Tagen des Debüts When Dream And Day Unite tauchen auf wie ein gerne gesehener alter Bekannter. Petrucci schickt Noten in Lichtgeschwindigkeit hinterher. Das kurze Piano-Intermezzo rührt zu Tränen. Malt mich an – Glücksschwein rosa.

Was zur Hölle? Beim Intro von Awaken The Master denke ich kurzerhand, dass mein zuvor rezensiertes Material von Whitechapel die Boxen sprengt. Aber da war ja was: Herr Petrucci und die acht Saiten an der Gitarre. Fette Riffs ist man ja seit jeher von Dream Theater gewohnt. Aber das boxt den stärksten Popeye aus der Umlaufbahn. Endlich sind die Riffs so dick wie Petruccis Oberarme. Es folgt ein wundervoller Instrumentalpart, den man als Fan der Band kennt und schätzt. Oder um es mit den legendären Worten aus Wayne’s World zu sagen: „Wir sind unwürdig, wir sind unwürdig, wir sind Staub, wir sind Asche“. Der Band macht das noch immer Spaß und mir auch. Die immer wieder eingestreuten Pianopassagen, die zu gefühlvollen Gitarrensoli überleiten – davon kann ich nie genug bekommen. Der weitere Songaufbau lässt ein bisschen den Spannungsbogen vermissen. Die Gesangsharmonien können mit den starken Instrumentalparts nicht mithalten. Eventuell muss Awaken The Master in den kommenden Wochen und Monaten noch etwas wachsen. Diese Momentaufnahmen sind nicht immer ganz einfach, obwohl das Album in Dauerschleife läuft und einzelne Passagen genau unter dem Mikroskop landen.

Ladies and Gentlemen, wir kommen zur letzten epischen Mission, dem Longtrack A View From The Top Of The World, der passend zum Text über die Grenzen hinausgeht. Menschen, die genau wie Dream Theater die Extreme suchen. Die einen suchen die sportliche Herausforderung wie Tiefseetauchen, rauschen an Slacklines über Canyons oder bezwingen scheinbar unbezwingbare Berge. Die anderen suchen die musikalische Herausforderung und können laut John Petruccis Aussage dabei wenigstens nicht sterben. Der Titeltrack erinnert aufgrund seines Aufbaus an eine Mischung aus eher verrückten Epen wie Octavarium und dank seines balladesken Mittelteils auch an The Count Of Tuscany ohne dabei alte Ideen aufzuwärmen. Wie immer gibt es Momente, die sich in der Hirnmasse festsetzen. So z. B. die witzige Bassline ca. ab der fünften Minute oder der typische Rudess „Zirkus-Moment“. Überhaupt bringt der Tastenzauberer mit Hammond- und Cembaloklängen ordentlich Abwechslung in sein Klangspektrum. Der angesprochene balladeske Teil kommt wiederum James LaBrie entgegen, der zwar eine makellose Leistung abliefert, dessen stärkste Momente aber in den emotionalen Einschüben zur Geltung kommen. Das Gitarrensolo schließt an den introvertierten Teil an und fördert ebenfalls Magie zutage. Entschuldigt mich, ich lehne mich noch etwas zurück, genieße und überlasse John Petrucci die letzten Worte: „Musik hat die Macht, dich auf einer emotionalen Ebene anzusprechen.“

Dream Theater – A View From The Top Of The World
Fazit
Dream Theater schaffen es nach über 30 Jahren auf ihrem 15. Studioalbum noch immer, die richtigen Knöpfe zu drücken. Gerade die Fans, die sich losgelöst von alten Bandklassikern auf diese Reise einlassen, werden den fantastischen Ausblick genießen. Das eine oder andere Detail erinnert sogar an eben jene „gute alte Zeit“, ohne dass sich die Band zu sehr wiederholt. Das Anknüpfen an das starke Distance Over Time ist gelungen und Andy Sneap holt auch den letzten Funken Genialität aus dem Mix von A View From The Top Of The World heraus.

Anspieltipps: Answering The Call, Transcending Time und A View From The Top Of The World
Florian W.
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