Gespräch mit Ray Wilson im Rahmen der „Un Tour 2020“

Ein entspannter, gut aufgelegter Ray Wilson steht Rede und Antwort

Artist: Ray Wilson

Herkunft: Schottland

Genre: Rock

Link: https://raywilson.net/

Bandmitglieder:

Gesang und Gitarre – Ray Wilson
Gitarre – Ali Ferguson
Gitarre und Gesang – Steve Wilson
Bass – Lawrie MacMillan
Schlagzeug – Ashley MacMillan

Im Rahmen der Un Tour 2020, die Ray während der Corona-Krise von zu Hause absolvierte, hatte ich die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. So kam dann das folgende Interview zustande. Nach ersten Startschwierigkeiten (schlechte Verbindung) gab es etwas Small Talk, aber sogleich beschäftigten wir uns mit interessanten Themen. Das Interview wurde zwar in Englisch geführt, aber ich habe mich für eine deutsche Version entschieden.

Time For Metal / Kay:
Hi Ray, schön dass es geklappt hat und du Zeit für uns hast.

Wo bist du zur Zeit? In Polen oder in deiner Heimat Schottland?

Ray Wilson:
Ich bin in Posen, das liegt im Zentrum von Polen. Ich war schon seit über einem Jahr nicht mehr in Schottland. Eigentlich geht es im Frühjahr immer dahin, aber dieses Jahr aus den bekannten Gründen leider nicht.

Time For Metal / Kay:
Ich kenne nicht so viel in Polen. Ich war das eine oder andere Mal in Slubice, das liegt an der Grenze bei Frankfurt/Oder, da gab es dann günstig Zigaretten, Bier und Benzin.

Ray Wilson: (lacht)
Ja, das Typische eben, dabei ist es schon schön in einigen Gegenden.

Time For Metal / Kay:
Ok, ich stelle mich noch kurz vor. Meinen Namen kennst du ja. Ich bin Redakteur bei dem Metalmagazin Time For Metal, aber eher einer der Gemäßigteren. Mag ebenso Prog, wie Pink Floyd oder Genesis der Frühzeit oder halt den guten alten Hard Rock der Siebziger. Natürlich auch Rock und deshalb passt du musikalisch voll in unser Genre, denn wir sind da schon breit aufgestellt.

Ray Wilson:
Das passt doch gut. Ich steh auch auf diese Musik, gerade auf den Metal der Siebziger und Achtziger. Bin da schon recht früh mit in Berührung gekommen.

Time For Metal / Kay:
Dann ist das ja schon mehr als passend. Hätte ich jetzt so nicht erwartet.

Da du ja nun nicht nach Schottland gefahren bist und auch keine Livekonzerte geben konntest, hast du einige akustische Gigs von zu Hause über das Internet gestreamt. Das lief dann als Un Tour 2020. Ein/zwei habe ich mir auch angesehen, leider nicht die, die du mit der gesamten Besetzung aufgeführt hast.

Ray Wilson:
Ja, das ist richtig, ich habe zunächst einige Konzerte unplugged gespielt und das haben die Kollegen gesehen und fanden das toll und so ist die Idee gewachsen, ein Konzert zu geben, mit meiner Begleitband und einigen Gästen. Durch Corona waren wir alle an unterschiedlichen Orten, aber über das Internet geht es. Das kann noch immer über die Homepage angesehen werden (hier).

Time For Metal / Kay:
Das erste der beiden größeren Konzerte war doch ein Geburtstagsspecial für deinen Bruder oder?

Ray Wilson:
Ja, das Ende Mai war zum Geburtstag meines Bruders. Der war natürlich mit von der Partie, und zwar in Hannover bei seiner Freundin. Insgesamt waren es neun Musiker, die da beteiligt waren. Die saßen in England, Schottland, Polen und Deutschland verteilt und haben einen tollen Beitrag geleistet. Das war sehr erfolgreich und hat auch Spaß gemacht.

Time For Metal / Kay:
Du hast ja auf deiner Homepage eine Wall Of Fame für all die eingerichtet, die für die Konzerte gespendet hatten. Ich hab mal gezählt, da stehen über 600 Leute drauf.

Ray Wilson:
Ja, das stimmt. Da ist ordentlich was zusammengekommen. Das ist nicht für mich oder meine Band, sondern geht an alle, die es nicht ganz so gut haben, aber mit dazugehören. Licht, Ton, Bühnenbauer, Crew und all die, die für Konzerte eben wichtig sind.

Time For Metal / Kay:
Das kann nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. Hier bei uns gibts auch eine Aktion von Radio Bob!. Die haben einen Spendenaufruf gestartet, und jeder, der mindestens 5 € spendet, erhält als Dank ein Bändchen, wie beim Festival. Das Geld kommt all denen zugute, die Konzerte erst möglich machen.

Ray Wilson:
Auch wenn sich die Situation in der Wirtschaft langsam wieder erholt, zumindest in Europa, wie in Deutschland oder auch in Polen, haben das Musikbusiness und auch andere künstlerische Bereiche arg zu kämpfen. Meine Freundin ist Tänzerin am Theater und hat nun drei Monate Unterricht gegeben, um etwas dazuzuverdienen. Das ist schon hart. Vielleicht können wir im Sommer noch einiges machen, gerade wenn es draußen stattfindet. Zum Herbst wird es dann schwierig, wenn sich alles nach drinnen verlagert. Da wird dann der Abstand immens wichtig und wenn dann nur ca. 25 % der Kapazität eines Clubs oder kleinen Halle genutzt werden dürfen, weil die Abstandsregeln das erfordern, dann könnte es zwar Konzerte geben – aber unter welchen Bedingungen?

Time For Metal / Kay:
Das dürfte nicht funktionieren. Da kommt einfach zu wenig Geld, gerade für die kleineren Clubs bei rum. Und die Karten müssten das ja kompensieren.

Ray Wilson:
Das wird man kaum machen können, denn wer ist schon bereit, eine wesentlich höhere Summe zu zahlen? Etwas mehr vielleicht, aber es braucht eine gewisse Balance. Vielleicht bekommt die Band etwas weniger, der Club auch und der Gast zahlt etwas mehr, das könnte klappen. Wir werden einen Weg finden müssen. Es dürfte nicht ohne Unterstützung der Regierungen klappen. Hier in Posen haben die Behörden den gastronomischen Betrieben z.B. mehr Außenfläche zur Nutzung zugebilligt. Dadurch wird zumindest etwas Ausgleich geschaffen. Wie sich das im Winter entwickelt, muss man sehen. Und wenn dann die kältere Jahreszeit kommt, wird es eventuell ja auch schwierig zu unterscheiden: Ist es Covid-19, einfach nur eine Grippe oder ein anderes  Virus? Somit werden wir auf noch schwerere Zeiten im Herbst und Winter zugehen.

Time For Metal / Kay:
Das befürchte ich auch. Hast du das von den Autokinos hier mitbekommen? Erst mal als reguläres Drive-In Kino und dann gab es auch schon Drive-In Konzerte mit riesigem Zulauf. Die Gäste klatschen dann mit Scheibenwischer oder Lichthupe oder aus den Fenstern heraus.

Ray Wilson:
Ja, das ist fast so wie im Film Grease mit John Travolta, da gab es auch dieses Drive-In Kino. Das mag gehen, aber ob das auch für Konzerte so optimal ist? Es fehlt ja doch der Kontakt. Aber wir müssen halt improvisieren, sei es in Tablets zu singen oder vor Autos zu spielen. Ich glaube ja, dass das große Problem ab Herbst kommt. Vielleicht müssen wir die gesamte Kultur ändern, warum nicht auch in der kälteren Jahreszeit Outdoor Aktivitäten anbieten? Das klappt bei Wintersportaktivitäten ja auch. Da stehen welche bei Minus 20 Grad und trinken Bier. Ich glaube, man kann mehr draußen machen und dann etwa in Gewerbegebieten, um den Lärm nicht in der Stadt zu haben. Ich denke da an die Blues Garage in Hannover oder das Roxy in Flensburg. Das sind doch gute Locations für solche Aktivitäten. Dann wird die Bühne draußen aufgebaut, sich warm angezogen und man stört keinen. Man könnte Konzerte auch einfach früher anfangen lassen. Es muss was passieren, auch für die Menschen, die einfach nur tanzen gehen wollen oder ins Theater oder eben auch Konzerte besuchen wollen. Großen Firmen, wie z.B. die Lufthansa, denen wird mit Milliarden geholfen und bei den Kleineren fehlen die Mittel. Die besser aufgestellten Staaten wie Deutschland oder auch Großbritannien sind in der Lage die Kultur unterstützen, ansonsten wird das Clubsterben zunehmen.

MAXX, Kiel

Time For Metal / Kay:
Hast du von der Aktion Night Of Lights gehört? Da haben sich viele Hallen, Bars oder Clubs und auch Theater solidarisch gezeigt und durch rot angestrahlte Fassaden auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Über 6000 verschiedene Orte haben allein in Deutschland mitgemacht.

Ray Wilson:
Ja, das habe ich gesehen, das ist eine gute Aktion, um auf die Situation hinzuweisen. Trotzdem kann es für große ökonomisch starke Länder so schwer sein, da etwas zu machen. Vielleicht Unterstützung, gerade im kommenden Winter, durch Ausgleich der 25 % Regelung. So könnten einige gut überleben. Ich zahle seit Jahren Steuern in Deutschland, ich habe da eine kleine Firma. Von dem Geld, das ich die letzten Jahre gezahlt habe, könnten gut zwei Clubs über die Runden kommen.

Time For Metal / Kay:
Dann am besten direkt dem Club das Geld überweisen. Dann kommt es beim Richtigen an. Wenn das so einfach wäre….

Eine Frage zu deiner Beschäftigung während der letzten Monate. Was hast du in der konzertfreien Zeit gemacht? Relaxed? Sport? Neue Songs geschrieben?

Ray Wilson: (lacht)
Teils teils, ich habe mir so eine Tagesroutine angewöhnt. Morgens zwei Stunden am Fluss spazieren gehen, dann habe ich etwas getan, was ich seit 20 Jahren nicht mehr gemacht habe, Kochen. Durch das Touren gab es in den Hotels, in Restaurants oder beim Catering etwas zu essen. Nun habe ich das wiederentdeckt und es macht viel Spaß. Ich gehe auf den lokalen Markt und kaufe dort viel Gemüse und Obst – also frische Sachen. Dadurch ernähren wir uns gesund und es stärkt die Abwehrkräfte. Später arbeite ich etwas. Es gibt derzeit zwei Projekte, eins geht etwas in die Ambient Rock und das andere in die akustische Richtung. Dann gehe ich mit meiner Freundin ins Studio und bringe ihr etwas über Akustik bei, sodass auch meine Streams besser klingen. Dann gibt’s noch ein wenig Musik und dann geht’s zu Bett. Das machen wir seit drei Monaten so.

Time For Metal / Kay:
Nicht schlecht, das bedeutet ja, es wird bald neue Musik von Ray Wilson geben. Ich warte schon.

Ray Wilson: (lacht)
Ja, da wird was kommen, allerdings erst in 2021.

Time For Metal / Kay:
Du hast ja eine große Anzahl an Fans. Weißt du, in welchem Land die meisten sind?

Ray Wilson:
Denke in Deutschland und Polen sind die meisten, dann England, Holland. Aber überall in der Welt gibt es Fans, die meine Musik mögen. So auch in Südamerika und gerade Argentinien ist da ein Vorreiter.

Time For Metal / Kay: (grinst)
Verständlich, wer gute Musik schreibt und macht, dazu noch gut aussieht, der hat eben Fans. Bei deinen Konzerten ist der weibliche Anteil ja auch recht hoch. Macht dich das nervös?

Ray Wilson:
Danke für das Kompliment, es ist schon sehr schmeichelhaft, wenn man mit 52 noch so ankommt.

Time For Metal / Kay:
Aber die Zeit der Groupies ist ja wohl vorbei. Und was mir aufgefallen ist, du siehst auf den Bildern immer so ernst aus.

Ray Wilson: (lacht)
Ja, ich bin Schotte… und der verf….. Brexit tut sein Übriges.

Time For Metal / Kay:
Lass uns das Thema wechseln und einen Blick auf deine lange Karriere werfen. Alles begann mit Guaranteed Pure, die immerhin eine Platte gemacht haben, die es aber nirgends zu kaufen gibt.

Ray Wilson:
Das stimmt, die Platte war nicht kommerziell und sie wurde auch nur in den Pubs verkauft, in denen wir auftraten.

Time For Metal / Kay:
Danach kam Stiltskin, mit dem Hit Inside. Weitere größere Erfolge blieben dann aber auch aus. Weiter ging es mit Cut und dann eben Genesis.

Ray Wilson:
Falsch herum, erst kamen Genesis und dann Cut.

Time For Metal / Kay:
Ups ja, stimmt, steht hier auch so. Mit Genesis hast du dann Calling All Stations aufgenommen. Eigentlich, so war der Plan, sollte es noch eine weitere Platte geben. Weshalb wurde das nicht mehr realisiert? War das Ende sehr überraschend für dich?

Ray Wilson:
Ja, eigentlich war eine zweite Platte geplant. Ich hatte einen Vertrag als Sänger und festes Mitglied von Genesis für zwei Platten. Nach dem Auftritt 1998 beim Rock Im Park in Nürnberg sollte eigentlich das nächste Album entstehen. Aber dazu kam es nicht, denn aus irgendeinem Grund, der mir nicht bekannt ist, kam das plötzliche Aus. Mike Rutherford war wohl der Auslöser. Damit war der Vertrag dann hinfällig.

Time For Metal / Kay:
2007 gab es noch eine Welt Tour von Genesis, die allerdings ohne dich als Sänger stattfinden sollte. Als du beim Management anfragtest, ob du als Support dabei sein dürftest, wurde das abgelehnt. Gab es dafür einen Grund? Und nach dieser Ablehnung sollst du verlautbaren haben lassen, dass das Thema Genesis in deinem Leben keine Rolle mehr spielt.

Ray Wilson:
Es gab keinen direkten Kontakt mehr und weshalb ich nicht spielen sollte, war auch nicht klar. Ich war da schon etwas erstaunt und traurig. Klar sind Genesis nun kein Thema mehr, aber viele Songs sind in meinem Repertoire und werden gern gespielt.

Time For Metal / Kay:
Ja, und das ist auch gut so, denn die kommen gut an. Sei es Mama, Calling All Stations oder auch Follow You Follow Me. Großartig ist auch deine Version von The Carpet Crawlers.

Ray Wilson:
Ja, als ich mit Genesis auf Tour war, haben wir über 40 Gigs gespielt. Da gab es einige Sachen, die mir gut lagen und einige, die so einfach nicht zu mir passten. Und die, die mir gut passten, habe ich beibehalten und das seit über 20 Jahren. Das gefällt den Zuschauern und mir auch und somit spiele ich diese Stücke auch gern und bin damit erfolgreich.

Time For Metal / Kay:
Und dass du erfolgreich bist, sieht man, denn oftmals sind deine Konzert “Sold Out”, sogar zweimal hintereinander, wie in Schafstedt. (Konzertbericht hier)

Ray Wilson:
Ja, das macht dann auch viel Spaß, der Veranstalter ist zufrieden, wir sind es, die Zuschauer kommen immer wieder. Dazwischen wird ein neues Album aufgenommen, das ist das Leben, wie ich es mir vorgestellt habe.

Time For Metal / Kay: (grinst)
Gutes Stichwort, das letzte reguläre Album war ja Make Me Think Of Home, was für mich ein super tolles Album ist, das ich gern gehört habe und auch heute noch auflege. Das dazugehörige Review war ja auch ein gutes (hier).

Ray Wilson:
Danke, das freut mich, dass es dir gefällt.

Time For Metal / Kay:
Danach kam Once Upon My Life, eine Art Best Of mit zwei neuen Songs.

Wo bekommst du deine Ideen her? Sind das autobiografische Inhalte?

Ray Wilson:
Ja oftmals. Es sind Begebenheiten aus meinem Leben. Ich schreibe die Texte und hab dazu dann auch eine Melodie, die ich später mit den unterschiedlichen Musikern ausarbeite. Nicht immer weiß ich genau, was da aus meinen Gedanken so kommt. Manchmal setze ich auch Kopfhörer auf, höre etwas und ich singe etwas, was dann zu einem Song wird. Das habe ich auch schon bei Genesis so gemacht. Oftmals gibt es eine Sequenz/eine Begebenheit, die mich berührt und draus entwickelt sich das. Zum Beispiel bei Make Me Think Of Home, was zunächst nur als Phrase existierte, wurde eine konkrete Erinnerung an Schottland, nicht in der Form von Sehnsucht, sondern eher eine Erinnerung an vergangene Tage, an die ich mich gern erinnere.

Time For Metal / Kay:
Bei deinen Konzerten machst du oft Einleitungen, bei denen du zu dem kommenden Song etwas erzählst. Manchmal eine Anekdote, manchmal etwas Lustiges oder auch Ernstes. Das kommt gut an und wenn das dann noch in einer so schönen Atmosphäre wie z.B. in der tollen Location von Schafstedt geschieht, dann verzauberst du alle damit. Es ist dann schon fast ein magischer Moment, wenn dann der eine oder andere melancholische Song kommt. Das gibt einem ein Gefühl von Authentizität und man nimmt dir das, was du singst, einfach ab.

Ray Wilson:
Genau so ist das. Das ist ein wichtiger Part von dem, was ich tue. Das ist nicht nur einfach Songs zu singen, wie The Carpet Crawlers oder Mama, sondern gerade bei meinen Songs bin das ich und meine Beziehung zu dem Inhalt. Das merkt der Zuschauer und das gefällt ihm. Diese Art habe ich schon zu Beginn meiner Karriere, als ich noch mit Akustik Gigs unterwegs war, praktiziert. Erzählen, spielen, erzählen, spielen. Das hab ich bis heute beibehalten. Schuld daran dürfte Bruce Springsteen sein, der dieses eindrucksvoll bei seinen Konzerten zelebrierte. Mein Vater war ein großer Fan und darüber hab ich das kennenlernen dürfen und ein wenig abgeschaut.

Time For Metal / Kay: (grinst)
Das ist doch voll ok. Der wird dir das nicht übel nehmen. Aber das ist eine tolle Art des Entertainments. Ich erinnere mich an andere Bands, bei denen nichts in diese Richtung passiert. Du kennst bestimmt Rammstein, die zum Ende des Konzertes ein „Danke Berlin“ oder welche Stadt auch immer sagen und das war’s. Sonst nichts weiter.

Ray Wilson:
Davon habe ich schon gehört und erinnere mich an ein anders Konzert mit Radiohead hier in Polen. Eine fantastische Show, tolle Musik, aber eben auch nichts an Konversation außer eine „gute Nacht“. Nee, das ist nicht meine Art. Stell dir vor, ich spiele in Schafstedt und würde nichts sagen, nur am Ende ein ” Gute Nacht”. Das wäre was.

Time For Metal / Kay:
Allerdings. Das könnte spannend werden, aber zum Glück passiert das nicht. Gefällt mir auch besser so. In Schafstedt ist es immer schwierig, Karten zu ergattern. Schnell ausverkauft. Zum Glück kommen wir über eine Akkreditierung rein, so als wichtige „Presse”. 😉

Ray Wilson: (hörbar amüsiert)
Ja, so als wichtige Presse geht das wohl….

Time For Metal / Kay: (schwärmerisch)
Anderes Thema, ich hab mir übrigens die Steve Hackett Vinyl Ausgabe von Genesis: Revisited, Live At The Royal Albert Hall von 2013 zugelegt (Review hier). Da warst du ja mitbeteiligt, mit Steve zusammen auf Tour und hast u.a. Carpet Crawler gesungen. Das hört sich gut an. Ich finde ja auch, dass die Vinyl-Ausgabe etwas interessanter ist als die CD/DVD-Version. Das fühlt sich auch in der Hand besser an. Das große Cover, die 180 Gramm Vinylscheiben. Ein ganz anderes Erlebnis.

Ray Wilson:
Das war aber auch eine tolle Tour. Ich verstehe mich gut mit Steve Hackett. Und ich gebe dir recht, Vinyl ist eine tolle Sache und liegt besser in der Hand.

Time For Metal / Kay:
Ich bin in den Siebzigern aufgewachsen und da gab es ja nun mal nichts anderes. Der Erwerb einer neuen Platte grenzte schon fast an ein Event. Das tolle Cover, vielleicht noch ein Textblatt oder ein Klappcover.

Ray Wilson:
Ich erinnere mich auch gut daran. Aber mein Bruder ist da viel bewanderter. Der sammelt solche Sachen auch. Der hat sehr viele Picture Discs und er sammelt alles von Rush. Er hat auch viel Heavy Metal Platten. Iron Maiden, Motörhead, Whitesnake und so weiter. Ich mag das alles und höre das auch, wobei meine Favoriten Thin Lizzy sind. Eines meiner ersten Konzerte war übrigens Iron Maiden in Edinburgh mit Bruce Dickinson am Mikro. Ich erinnere mich aber auch gern an ein Abendessen mit Brian Johnson von AC/DC in New York. Das waren großartige Jungs und wir hatten einen tollen Abend. Wie du siehst, auch ich mag diese Art von Musik.

Time For Metal / Kay:
Musikalisch müsstest du aber in den Achtzigern aufgewachsen sein, also mit Depeche Mode und Michael Jackson und so weiter.

Ray Wilson:
Das ist richtig, aber in den Achtzigern gab es trotzdem eine große Metal Szene…

Time For Metal / Kay:
….die gute NWOBHM.

Ray Wilson:
Genau, mit all den großen Namen. Ich bin aber eher stärker in den Siebzigern und den Neunzigern verwurzelt. Die Grunge Richtung hat mir sehr gut gefallen.

Time For Metal / Kay:
Oha, da hörte meine Entwicklung auf. Ich bin da nicht so ein Freund von. Mit Nirvana und solchen ähnlichen Bands konnte ich nie wirklich was anfangen. Heute ist das nicht viel anders. Ich mag die Siebziger, Achtziger und dann noch so etwas wie Doom Metal oder deutsche Bands wie Avantasia und Edguy, eben melodiös und harmonisch. Und dann halt auch solche Musik, die du spielst.

Dann würdest du welche Zeit als die größte Inspiration für dich bezeichnen?

Ray Wilson:
Das hör ich gern.

Als Musikschreiber würde ich die Neunziger nennen und zum Hören die Siebziger und da speziell die frühen Jahre mit David Bowie und dann kamen auch noch Bruce Springsteen und Bob Dylan dazu. Musik, die mein Vater damals hörte und natürlich viel von Rush durch meinen Bruder. Eigentlich ein riesengroßer Mix, und das hat mich alles stark beeinflusst. Ein breites Spektrum eben.

Time For Metal / Kay:
Das wirft die Frage auf, wann hast du beschlossen, Musiker zu werden?

Ray Wilson:
Unsere Familie war und ist sehr musikalisch. Das hat bestimmt abgefärbt. Meinen ersten Auftritt hatte ich so mit neun Jahren vor dem Weihnachtsbaum. Da habe ich Bohemian Rhapsody von Queen gesungen. Im Hintergrund lief der Kassettenrekorder und ich hab zu FreddyStimme gesungen. Das war wohl der Grundstein. Ein paar Jahre später hatte ich mein erstes eigenes Konzert in der Aula der Highschool vor 500 Zuschauern. Da war mir klar, dass ich das den Rest meines Lebens machen will.

Time For Metal / Kay: (resigniert)
Ich wollte das auch mal machen, aber als Gitarrist habe ich versagt, denn ich konnte meine Finger nicht weit genug knicken, um die Griffe zu fassen. Und als Sänger endete meine Karriere im Knabenchor, als der Stimmbruch einsetzte. Heute will keiner mehr was hören – wenn ich anfange, heißt es nur, lass es. 😀

Ray Wilson: (sehr belustigt)
Das kann passieren. Ich bin auch nicht der begnadetste Gitarrist. Mein Bruder ist mir da voraus.

Time For Metal / Kay:
Lassen wir das mal so stehen. …Welche Pläne gibt es für 2021? Konzerte und deine bereits erwähnten Projekte?

Ray Wilson:
Ja, ich hoffe, dass wir 2021 wieder auf Tour gehen können – auf welche Art auch immer. Dann die beiden Projekte, bei denen in einigen Monaten die Ergebnisse veröffentlicht werden. Und dann natürlich das, was wir am liebsten machen: Musik spielen. Zusammen. Es gibt ja bereits einige Events, die dieses Jahr noch stattfinden werden, natürlich unter Beachtung der notwendigen Regelungen. Nächstes Jahr dann ja all die Events, die dieses Jahr ausgefallen sind und nachgeholt werden, sofern das möglich ist. Dann vielleicht noch ein oder zwei Festivals. Im Gespräch ist das Night Of The Prog Festival auf der Loreley, in dem super tollen Amphitheater. Da waren wir 2017 schon mal als Support von Yes.

Aber es ist schwierig zu sagen, was kommen wird. Ich drücke beide Daumen, dass alles gut geht.

Time For Metal / Kay:
Das hört sich doch positiv an und ist ein gutes Schlusswort. Meine Fragen hast du mehr als nur beantwortet und ich bedanke mich für dieses tolle Gespräch. Was liegt jetzt noch an?

Ray Wilson:
Ich setzte mich auf den Balkon und werde ein kühles Getränk genießen. Ich bedanke mich auch für das nette Gespräch. Ich hoffe, wir sehen uns irgendwann gesund und munter bei einem Konzert. Bis bald und einen schönen Abend.

Damit endet das Interview mit Ray Wilson, der inzwischen bereits wieder ein, zwei kleine Gigs gespielt hat.

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