Nach dem starken Debütalbum, welches Ende 2024 erschien, fackeln die Jungs von Try Angel aus dem Münsterland nicht lange und lassen ihre neue EP Ancient Trees von der Leine. Die Band, die inzwischen auf ein Trio geschrumpft ist, hat mit Underground’s Knees bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und ich freue mich seit der starken Single Just A Step To Sun, die im Januar erschien, auf weiteres Material. Never change a winning team: Mix und Master gehen, wie beim Debüt, auf das Konto von Milan Steinbach (Point Break Recordings) und das gemalte Cover stammt erneut von H. Ahler. Das hat alles Hand und Fuß, und ich begebe mich umgehend in den Wald der uralten Bäume.

Das Schöne an so einer noch immer frischen Metalcore-Band ist, dass man von der ersten Sekunde an einen eigenen Stil erkennt. Die Lyrics im bereits erwähnten Opener Just A Step To Sun sprühen nicht gerade vor Optimismus. Doch genau dieser Hang zur Melancholie, gepaart mit elektronischen Klängen und harten Riffs, zeichnet den Sound von Try Angel aus. Keine moderne Band aus dem Core-Sektor kommt ohne ein gewisses Alleinstellungsmerkmal aus. In diesem Fall sind es die unfassbar starken Vocals, die immer wieder mit Effekten, Überlagerungen und anderen „Tricks“ aus der Produktionskiste daherkommen. Die Menschheit ist dem Untergang geweiht und der Protagonist stellt die berechtigte Frage: „Können wir diese Chance nutzen?“ Aus musikalischer Sicht ein klares Ja! Aus menschlicher Sicht bin ich mir da nicht sicher.
Alles hoffnungslos?
Dass die Menschheit Lost ist, darin bestärkt mich der gleichnamige Song. Lyrisch geht es noch eine weitere Stufe nach unten. Allerdings nur, was die Hoffnung angeht, nicht die Qualität. Wo die Lyrics runterziehen, peitschen Riffs und Drums wieder nach vorne. Fiese Harsh Vocals im Vordergrund werden durch wehklagende Cleans im Hintergrund unterstützt und gipfeln im zerstörerischen Breakdown. Nur der Refrain hat mir etwas zu viel Druckabfall. Die fehlende Durchschlagskraft wird mit Brutal Reality nachgeliefert. Melancholie weicht unbändiger Wut. Der elektronische Beat wird durch Slampassagen und Deathcore-Growls vorangetrieben. Dürfte live abgehen wie ein Zäpfchen. Der Titelsong klopft an der Tür. Spätestens jetzt ist das gereifte Songwriting der Band zu erkennen. Alle Rädchen greifen nahtlos ineinander. Ein Punkt, den man bei einigen Songs des Debütalbums noch kritisieren konnte. Bitterböse Shouts, nasty Riffs und das Markenzeichen, bestehend aus wiederholt eingestreuten ruhigen Parts, bilden zusammen ein starkes Geäst.
Einfach treiben lassen
Die Synths bekommen in Tired etwas mehr Spielraum. Ich muss an neuere Stücke von Bring Me The Horizon denken. Mit einem Sänger wie Frede brauchen sich Try Angel auch vor großen Namen nicht zu verstecken. Das Solo ab Minute 2:40 kann ebenfalls den „Vergleichstest“ bestehen. Lyrics wie „I’m tired of the lies, saying ‘it’ll be fine’“ fühle ich sehr. Ein weiteres bekanntes Gefühl bescheren mir Try Angel mit dem letzten Stück namens Ocean. Ähnlich wie mit For Me In The Future auf Underground’s Knees, markiert Ocean einen emotionalen Schlusspunkt. Momente gehen, Erinnerungen bleiben. Das Gefühl, von dem ich spreche, können in mir normalerweise nur die Songs von Billie Eilish erzeugen. Damit kann ich Try Angel an dieser Stelle nur mein höchstes Lob aussprechen, denn an diesen „Schwebezustand“ sowie das Abtauchen in eine andere emotionale Gefühlswelt kommt sonst niemand heran. Ich lasse mich einfach von den Wellen treiben und schließe mit den schönen Worten „Our memories will never fade.“
HIER! geht es für weitere Informationen zu Try Angel – Ancient Trees in unserem Time For Metal Release-Kalender.



