Deep Purple – Whoosh!

Unverwüstlich und unermüdlich - der Beweis dafür ist auf Album Nummer 21 zu finden

Artist: Deep Purple

Herkunft: England

Album: Whoosh!

Spiellänge: 51:38 Minuten

Genre: Hard Rock, Classic Rock

Release: 07.08.2020

Label: earMUSIC

Links: https://deeppurple.com/
https://www.ear-music.net/

Bandmitglieder:

Gesang – Ian Gillan
Bassgitarre – Roger Glover
Gitarre – Steve Morse
Tasteninstrumente – Don Airey
Schlagzeug – Ian Paice

Tracklist:

  1. Throw My Bones
  2. Drop The Weapon
  3. We’re All The Same In The Dark
  4. Nothing At All
  5. No Need To Shout
  6. Step By Step
  7. What The What
  8. The Long Way Round
  9. The Power Of The Moon
  10. Remission Possible
  11. Man Alive
  12. And The Adress
  13. Dancing In My Sleep

Nun liegt es mir endlich vor, das 21. Studioalbum der Tief Purpurnen. Die Hard Rock Legenden um Sänger Ian Gillan, Bassist Roger Glover, Keyboarder Don Airey, Gitarrist Steve Morse und einzigem ständigen Mitglied, Schlagzeuger Ian Paice, legen nun doch noch mal nach. Nach der letzten The Long Goodbye Tour (Bericht aus Hamburg hier), die im Rahmen des letzten Albums InFinite (Review hier) erfolgte, sollte eigentlich Schluss sein. Man wollte, dem Alter geschuldet, die anstrengenden Touren lassen und auch plattentechnisch sollte nichts mehr kommen – so der Plan. Man wollte vielleicht ein paar kleine Sachen machen, wie Auftritte als Solokünstler oder mit dem Nebenprojekt oder mal als Gastmusiker, wie Ian Paice mit der Deep Purple Coverband Purpendicular, nur von den großen Bühnen wollte man sich verabschieden. Wie es dann so ist, wurden bereits 2018 die ersten Gerüchte bekannt, dass neue Songs in der Mache sind. Anfang 2019 gab es dann die offizielle Bekanntmachung, dass an einer neuen Platte mit dem Namen Whoosh! gearbeitet wird und dass Bob Ezrin zum dritten Mal die bis dato erfolgreiche Produktion übernommen hat. Diese fruchtbare Symbiose begann bereits bei Now What?! und bescherte Deep Purple einen großen Erfolg. Ende 2019 kam dann mit Throw My Bones die erste Single des neuen Albums auf den Markt und verhieß Großes. Der Track zündete sofort und ließ auf ein spannendes Album schließen, dessen Erscheinen allerdings, bedingt durch die Corona-Krise, auf August verschoben wurde.

Zunächst beginnt die Platte mit der Single Throw My Bones. Der lässige, wie aus dem Handgelenk geschüttelte Song zeigt die Klasse der Jungs, altersmäßig eigentlich schon Rentner, auf. Der Track spiegelt die Einstellung wider, dass, wenn man glücklich und mit dem zufrieden ist, was man hat, dann braucht man sich um das, was das Leben nach dem Tod bringt, nicht zu sorgen. Ian Gillan, verantwortlich für die Texte, hat hier sein derzeitiges Befinden in Worte gepackt. So ist er zufrieden und es sind die einfachen Dinge, wie z.B. am Lagerfeuer zu sitzen und alle viere von sich zu strecken (Anm., im englischen Throw My Bones), die dafür sorgen. Weiter geht es mit Drop The Weapon. Der Text ist etwas sozialkritisch und handelt von den allgegenwärtigen Gangs in England, die von skrupellosen Hintermännern ausgenutzt werden. Der brüderliche Appell: Last eure Waffen fallen und beschreitet einen friedlichen Weg. Musikalisch wird auf einen wechselnden und leicht groovende Rhythmus gesetzt. Das ist ein Track, der sich in die Gehörgänge schleicht und für Verzückung sorgt, als wenn ein Ohrenarzt eine reinigende Spülung vollzieht. Bereits bei Song drei, We’re All The Same In The Dark fällt die scheinbare Überpräsenz von Don Airey auf. Die sonst ausgewogenen bzw. doch eher gitarrenlastigeren Tracks der früheren Kompositionen sind nicht mehr so präsent. Mal sehen, ob sich das im weiteren Verlauf bestätigt. Der Song selbst fällt leicht ab, um dann das folgende Nothing At All hervorzuheben. Die Keyboards von Don sind an dieser Stelle einfach zum Niederknien, dazu kommt eine einprägsame Melodei und wieder ein sozialkritischer Text, der sich mit den Klimawandel leugnenden Menschen beschäftigt. Leichte progige Einflüsse lassen sich nicht verleugnen und wieder weit im Hintergrund ist die feine, schon fast graziöse Gitarrenarbeit von Steve zu vernehmen.

Der straighte Rocker No Need To Shout und das fast schon sakrale Step By Step zeigen, dass Deep Purple es sich einfach leisten können unterschiedliche Richtungen einzuschlagen, ohne darauf zu achten, ob es der Erwartungshaltung der Fans entsprechen könnte. Daraus resultieren immer wieder saugeile Songs, die jede Deep Purple Platte so faszinierend machen. Es braucht keine Überhits wie Smoke On The Water, um trotzdem erfolgreich zu sein. Großen Anteil daran hat eben genau dieser Bob Ezrin, der weiß, was er machen muss, um die optimale Leistung der fünf gestandenen Musiker herauszukitzeln. Mit What The What kommt ein leicht flockiger, aus der Hüfte geschossener Boogie, der Status Quo zur Ehre gereicht hätte. Das Piano ist das dominierende Element und versprüht gute Laune, wie an einem sonnigen Tag in einer Strandbar. In The Long Way Round gibt es ein schon fast legendäres Duell zwischen Keys und Gitarre, das auf einem treibendem Rhythmus ausgetragen wird. Ein exzellenter Drummer, Ian Paice, der, zusammen mit Roger Glover am Bass, die rasante Fahrt in bester Highway Star Manier forciert und darauf dürfen sich die anderen dann austoben. Hier darf Steve sich profilieren, kann sein Können unter Beweis stellen und steuert ein eindrucksvolles Solo bei.

The Power Of The Moon, bereits auf der kürzlich veröffentlichten 10“ Zoll Vinyl-Single enthalten, überrascht mit leichten, schon fast mystischen Einflüssen. Hier wird textlich der Mond gepriesen, der die Macht hat, trotz der riesigen Entfernung zweimal am Tag das Wasser der Ozeane zu bewegen. Diese Kraft könnte gut eingesetzt werden, um sie für uns nutzbar zu machen. Wieder darf Don Airey im Vordergrund brillieren, der, das muss man zugestehen, das auch kann. Ob Steve absichtlich geschont wird? Immerhin hatte er bereits zu InFinite Zeiten arge Probleme mit Arthritis in den Fingern. Das könnte natürlich ein Grund sein. Bevor Man Alive, die zweite Single Auskopplung und ebenfalls auf der Vinylplatte enthalten, ertönt, darf bei Remission Possible Ian Gillan pausieren. Das Instrumentalstück könnte fast als Einleitung für Man Alive gesehen werden. Das war so nicht geplant, passt thematisch aber. Ian Gillan steuert dann einen passenden Sprechgesang dazu. Eine Besonderheit ist der orchestrale Anteil, der von dem Nashville Music Scoring Orchester beigesteuert wurde. Da die Aufnahmen ebenfalls in Nashville gemacht wurden, griff man eben auf dieses Ensemble zurück. Diese Kooperation verleiht dem Track ein psychedelisches Flair, das an die späten Sechziger erinnert. Der Song ist kein typischer Deep Purple Song – aber noch mal, das macht eben diese Band aus, die immer wieder neue bzw. alte Wege beschreitet. Das zeigt sich dann auch in dem folgenden, inzwischen 52 Jahre alten instrumentalen And The Address. Der Track erschien als allererstes Lied auf dem ersten Longplayer Shades Of Deep Purple im Jahre 1968, und war geprägt von Blackmores Gitarre und den bereits damals unvergleichlichen Virtuositäten, die Jon Lord auf der Hammondorgel hinzauberte, die dann den Sound jahrelang prägen sollten. Auf Whoosh! trifft hier Neuzeit auf Historie und die Hommage an die Anfangstage passt wie Faust aufs Auge. Man könnte fast meinen, der Kreis schließt sich und das Ende ist da. Es gibt aber noch einen weiteren und letzten Track – nämlich das funkige Dancing In My Sleep, das nicht mehr ganz so zwingend daherkommt. Auch hier wieder die Keyboard Dominanz, die dem letzten Stück den Stempel aufdrückt, trotzdem kann Steve Morse im Mittelteil nochmals punkten.

Deep Purple – Whoosh!
Fazit
Zum Glück haben sich Deep Purple dazu entschieden weiterzumachen. Das inoffizielle Motto "Putting the Deep back into Purple" trifft auf die neue Scheibe gut zu. Es ist ein homogenes, spannendes und abwechslungsreiches Album mit Tiefgang entstanden. Deep Purple müssen sich nicht neu erfinden, sie machen einfach das, was sie können und genau das wird vom Produzenten geschickt in die richtigen Bahnen gelenkt. So klingen Deep Purple 2020 modern und frisch und zeigen, wie der Hard Rock sich in über fünfzig Jahren entwickeln kann. Die leider verschobene Livetour dürfte, neben den Klassikern, das eine oder andere Stück von der neuen Platte beinhalten. Gillans noch immer unverwechselbare Stimme gibt den Songs Leben und Inhalt, auch wenn er in gemäßigter Tonlage singt. Der Rest der Protagonisten macht einen hervorragenden Job, auch wenn die auf den letzten Alben sich abzeichnende überproportionale Präsenz der Keyboards hier nochmals gesteigert wurde. Insgesamt ein klasse Album, mit ein, zwei Schwächen, die aber fast schon vernachlässigbar sind. Für mich als Fan der ersten Stunde ein Muss und ich bin auch schon fast kritiklos, da ich in der Hoffnung lebe, dass es auch zukünftig noch weitere gute Musik und Liveauftritte der Urgesteine des Hard Rock geben wird. Nur nicht aufhören!

Anspieltipps: Nothing At All, Throw My Bones, Drop The Weapon und Step By Step
Kay L.
9.5
Leser Bewertung15 Bewertungen
8.3
9.5
Punkte
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