Witherfall – Curse Of Autumn

Geniestreich oder Durchschnitt?

Artist: Witherfall

Herkunft: Los Angeles, Kalifornien, USA

Album: Curse Of Autumn

Spiellänge: 57:08 Minuten

Genre: Progressive Metal, Power Metal

Release: 05.03.2021

Label: Century Media Records

Link: http://www.witherfall.com/

Bandmitglieder:

Gesang und Keyboard – Joseph Michael
Gitarre – Jake Dreyer
Bassgitarre – Anthony Crawford
Keyboard (Live) – Alex Nasla
Schlagzeug – Marco Minnemann

Tracklist:

  1. Deliver Us Into The Arms Of Eternal Silence
  2. The Last Scar
  3. As I Lie Awake
  4. Another Face
  5. Tempest
  6. Curse Of Autumn
  7. The Unyielding Grip Of Each Passing Day
  8. The Other Side Of Fear
  9. The River
  10. … And They All Blew Away
  11. Long Time (Acoustic Version)

Witherfall sind das Progressive Power Metal Baby, welches von Gitarrist Jake Dreyer (Iced Earth) und Sänger Joseph Michael (Sanctuary) im Jahr 2013 ins Leben geholt wurde. Beide Witherfall-Gründer kannten sich bereits aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der klassischen US Metalband White Wizzard. Die bisherigen Veröffentlichungen der Amerikaner in Form des Debüts Nocturnes And Requiems, dessen Nachfolger A Prelude To Sorrow (als Hommage an den verstorbenen Drummer Adam Sagan) und die 2019 erschienene Vintage-EP heimsten nicht nur in der Redaktion von Time For Metal Höchstnoten ein. Umso größer ist die Vorfreude auf das kommende Studioalbum namens Curse Of Autumn.

Produziert wurde der neueste Streich von Jon Schaffer, der hier, im Gegensatz zu seinen jüngsten Eskapaden, einen herausragenden Job macht. Für den Mix wurde Legende Jim Morris an die Regler beordert. Neu an den Drums ist Schlagzeugkrake Marco Minnemann (Steven Wilson, The Aristocrats), der unlängst vom Classic Rock Magazine unter die 12 besten Progdrummer aller Zeiten gewählt wurde. Veredelt wurde Curse Of Autumn mit einem düsteren Cover des schwedischen Künstlers Kristian Wåhlin, mit dem die Band bereits in der Vergangenheit zusammenarbeitete. Beste Voraussetzungen für einen neuen Geniestreich?

Andreas B.: An dieser Stelle schalte ich mich dazu. Und zwar von der „anderen Seite“. Prog Metal ist neben diesen ganzen Core- und „Post-DiesDasAnanas-Dingern“ das am weitesten von meinem Geschmack entfernteste Genre. Vielleicht liegt es an meiner Abneigung gegen alles, was auch nur ansatzweise etwas mit Mathe und Komplexität zu tun hat – oder auch einfach nur an der suboptimalen Ausnutzung meines blöden Hirns. Man weiß es nicht. Halten wir fest: Ich mag es einfach und geradeaus.

Dennoch freue ich mich sehr, dass mich Florian gefragt hat, ob ich – als bekennender Iced Earth-Fan der ersten Stunde (R. I. P) – Lust habe, die Scheibe als Co-Reviewer mit zu besprechen. Gerne!

Und so begab es sich, dass wir beide über Skype eine zeitgleiche Listening-Session des Albums abhalten konnten. Natürlich nicht ohne uns regelmäßig über den Bildschirm zuzuprosten und die Mimik des anderen genau zu studieren. Es war sehr lustig!

Deliver Us Into The Arms Of Eternal Silence

Florian W.: Das knapp einmütige Intro mit dem „eingängigen“ Namen beginnt mit neoklassisch anmutenden Gitarren und genialen Bassläufen. Dann geht es in eine kurze Riff- und Doublebass-Orgie über. Schöner Einstieg, der sich von diversen 08/15-Intros abhebt.

The Last Scar

Florian W.: Der Song könnte im Lexikon als Vorlage eines perfekten Heavy Metal Openers stehen. Highspeedriffs, ballernde Drums, Halford-Screams und ein hymnischer Refrain – Metalherz, was willst du mehr? Eventuell einen Jake Dreyer on fire (Hihi, das reimt sich), ein Drumbreak des entfesselten Marco Minnemann oder die intensiv gesungenen Zeilen von Joseph Michael: „Lying in a pool of crimson starlight.“ Entfernt erinnert mich das Stück an die Finnen von Kenziner. So eine Art Prog für Leute, die Prog eigentlich nicht mögen. Jedes gute Album und jede gute Show sollte mit so einem Brett anfangen.

Andreas B.: Jesses! Mir war der Song schon von der The River-EP bekannt und ich stimme Florian hier in allem zu. Was für ein Brett! Knallharter und schneller US Power Metal, der seinen Höhepunkt im unwiderstehlichen Refrain findet. Auch das klassisch (im Sinne von Mozart und so) anmutende Solo überschreitet nicht die Grenze zum Gedudel. Geiler Scheiß!

As I Lie Awake

Florian W.: Der Basspart zum Einstieg erinnert mich etwas an den genialen Steve DiGiorgio (ex-Iced Earth, Death). Überhaupt muss an dieser Stelle neben all dem Talent an den anderen Instrumenten Anthony Crawford an den sechs tiefen Saiten hervorgehoben werden: Er macht über die gesamte Spielzeit einen herausragenden Job. Der Refrain ist sehr eingängig und liefert den Stoff für eine perfekte Single, zu der es auch ein Video gibt (siehe unten). Ich sehe mich schon auf einem Witherfall-Konzert, mit einer Faust in der Luft und lautstark am Mitgrölen. Im Vergleich zu The Last Scar wirkt die Songstruktur fast schon simpel. Mr. Dreyer soliert etwas melodischer und liefert ein schönes Akustikbreak im Mittelteil.

Andreas B.: Ja, der Basspart am Anfang: Ich war da gedanklich bei den Red Hot Chili Peppers. Zum Glück wird das schnell pulverisiert und wir befinden uns im mittelschnellen Metalbereich. Etwas Metal Church, etwas Iced Earth, etwas Vicious Rumors – und wieder ein Refrain zum Niederknien. Der akustische Mittelpart atmet unglaublich viel Neunziger-Flair.
Auch hier: volle Punktzahl für As I Lie Awake.

Another Face

Florian W.: Song Nummer drei liefert balladeske Momente zu Beginn. Joseph Michael wirkt noch eindringlicher als zuvor. Ich warte förmlich auf den Gesangspart des leider verstorbenen Warrel Dane († 2017, R. I. P), so viele Nevermore-Vibes werden hier versprüht. Kein Wunder, dass Michael die Nachfolge Danes am Mikro der Kultband Sanctuary angetreten hat. Der verzerrte Psychogesang inklusive Horrorclown-Lachen verstärkt diese Vibes noch etwas mehr, bevor Jake „Ich habe ein Griffbrett und ich werde es benutzen“ Dreyer wieder vom Leder zieht. Zum versöhnlichen Abschluss haben die Instrumente Pause und Joseph Michael steht alleine im Scheinwerferlicht.

Andreas B.: Oh, es wird langsam und düster. Schöne, unverzerrte Gitarren, eine in Hall getränkte Snaredrum und ein epischer Refrain erfreuen das alte Bauer-Herz.
Die Temporeduzierung nach dem ersten Chorus geht tief in den Bauch (Hört es euch an, dann wisst ihr, wie ich das meine). Dieser auch von Flo erwähnte Psychopart geht mir allerdings auf die Nerven. Klingt wie Queen auf LSD und ich verstehe nicht, was das hier zu suchen hat. Grummel. Ohne dieses Geschwurbel hätte ich auch hier eine Höchstnote verteilt.

Tempest

Florian W.: Tempest ist der erste Longtrack auf Curse Of Autumn. Über acht Minuten Gefühlsachterbahn erwarten den Hörer. Nach einem sehr progressiven Anfang überraschen die Flamenco-Gitarren, die in eine Art Black Metal (!) Riffing übergehen. Während mein Gehirn versucht, diese Mischung zu verarbeiten, wechselt der Song zu Gesangsharmonien à la Psychotic Waltz und lässt dabei einige Brocken von Queensrÿche und Tool fallen – Mindfuck par excellence. Ab Minute vier liefern sich Becken und Bass ein kongeniales Duell, welches wiederum von Flamenco-Gitarren untermalt wird. Fast schon unfair gegenüber anderen Bands, was die Instrumentalfraktion hier abliefert. Der Abspann läuft wieder etwas hymnischer und getragener durch die Gehörgänge.

Andreas B.: Es fängt ganz harmonisch und schön an. Die spanischen Gitarren mag ich sehr, auch das anschließende Krawallriffing kommt relativ cool und eingängig.
Das Manko ist hier aber die Länge des Songs. Vieles wird wiederholt und verliert sich im Laufe der Zeit, ohne so richtig auf den Punkt zu kommen. Irgendwie warte ich hier die ganze Zeit auf den großen Knall, der aber einfach nicht kommt. Die achteinhalb Minuten gehen relativ schnell vorbei, ohne dass jetzt irgendwas hängen geblieben ist. Sicherlich nicht schlecht, aber irgendwie auch nicht wirklich toll.

Curse Of Autumn

Florian W.: Der Titelsong ist ein kurzes Intermezzo mit akustischen Gitarren und Iced Earth-Riffs. Er fungiert sozusagen als Intro für den nächsten Titel.

Andreas B.: Ich erinnere mich an unser Stirnrunzeln. Warum in aller Welt braucht es diese 90 Sekunden? Ohne Wertung.

The Unyielding Grip Of Each Passing Day

Florian W.: Dieser ist wiederum ein Instrumental, was bei mir die Frage aufwirft, warum man ein Intro für ein Instrumental braucht. Hier dürfen sämtliche Musiker zeigen, was sie draufhaben. Gefrickel hier, ruhige Passage da: Zusammen mit Curse Of Autumn über vier Minuten ziemliche Langeweile, die den Fluss des Albums unterbricht.

Andreas B.: Damit hast du im Grunde auch alles gesagt. Die Musiker beweisen hier, dass sie in der Musikschule echt gut aufgepasst haben. Ist so ein Stück nun albumdienlich? Braucht es unbedingt solche – etwas provozierend formuliert – Angebertracks? Live ergibt so etwas Sinn; Bierhol- oder Strullerpausen kommen immer gelegen.

The Other Side Of Fear

Florian W.: Das Gaspedal wird wieder mehr durchgetreten und der Thrashfaktor des Openers kommt erneut zum Tragen. Stakkato-Geballer und progressive Elemente reichen sich die Klinke in die Hand. Sänger Joseph Michael wirkt noch eine Spur aggressiver und streut sogar vereinzelte Growls in seine starke Darbietung ein.

Andreas B.: The Other Side Of Fear war ebenfalls schon von der EP bekannt. Etwas Thrash à la Testament in der Strophe führt zu einem Refrain, der irgendwie links rein und rechts raus geht.
Keine Hymne, aber trotzdem ganz nett.

The River

Florian W.: Kein gutes Metalbum ohne Powerballade. Während Kollege Andi bei den 80er-Reminiszenzen feuchte Augen bekommt, fühle ich mich an den Iced Earth Schmachtfetzen When The Eagle Cries erinnert. Nicht essenziell, kann man aber machen.

Andreas B.: Hach, die Achtziger. Ich habe über die komplette Spielzeit Skid Row im Kopf.
Vielleicht sogar noch White Lion. Verdammt, ich bin mit diesem Mist aufgewachsen und habe immer noch eine Schwäche für Hardrock und die dazu gehörenden Balladen. Hammersong und bei mir ganz oben. Könnte gerne doppelt so lange gehen.

… And They All Blew Away

Florian W.: Lassen wir uns wegblasen. Mit über 15 Minuten der längste Witherfall-Song bis hierhin. Gespickt mit so vielen progressiven Elementen, dass es einem Progfan wie mir eine wahre Freude ist. Dem Co-Autor dieses Reviews stehen allerdings die Fragezeichen auf die Stirn geschrieben (nichts für ungut mein Lieber). Die Emotionen in der Stimme von Joseph Michael schwappen über, die Flamenco-Gitarren kehren zurück, dann stürmt der Prog-Orkan durch meine Hirnwindungen. Getragene Passagen leiten zu vertrackten Riffs über – „Prog as fuck“. Ein wunderschöner Refrain lockert die Atmosphäre auf und durchbricht den undurchsichtigen Nebel. Der gesamte Mittelteil klingt wie eine tiefe Verbeugung vor den amerikanischen Kollegen von Dream Theater. Michael lässt mit verzerrten Sirenen-artigen Vocals den Weirdo raushängen. Ganz großes Kino.

Andreas B.: Willkommen im Prog-Himmel. War es die meiste Zeit noch relativ leicht verdaulich, geht es hier nun ans Eingemachte. Sehr viel Inhalt in sehr viel Zeit. Eine Menge verschiedener Parts, die Einflüsse von Pantera bis hin zu Dream Theater verarbeiten. Musikalisch sicherlich versiert und allererste Sahne. Für mich persönlich aber zu wenig Rock ’n‘ Roll und Bauch. Stattdessen viel Kopf und Mathe 😉 Der Funke springt bei mir nicht über und ich vermisse irgendwie die Magie, die so ein Epos transportieren müsste. Der völlig wüste Teil nach gut zehn Minuten ist mir dann endgültig zu viel des Guten. Hilfe.

Long Time (Acoustic Version)

Florian W.: Eine Art melancholische Coverversion von Long Time aus dem ersten Boston-Album oder auch „not more than a feeling“.

Andreas B.: Long Time von Boston kam in meinem Geburtsjahr raus und zählt somit schon zum Kulturgut aus vorchristlicher Zeit. Na ja, ok, nicht ganz. Das Original wurde 1977 veröffentlicht und ist so ein typischer „End-Siebziger-Ach du Scheiße, schnell den Sender wechseln“- Song. Witherfall haben das akustische Verbrechen in eine ziemlich coole balladeske Version transformiert, die mit dem Original absolut gar nichts zu tun hat.
Hat allerdings nicht wirklich viel mit dem Rest des Albums gemein.

Witherfall – Curse Of Autumn
Fazit
Florian W.:
Witherfall legten die Latte durch ihre bisherigen Alben extrem hoch. Dieses Mal wurde sie knapp mit der Ferse berührt und heruntergestoßen. Hätten die Amerikaner zehn Songs im Format der vorab veröffentlichten Songs gemacht, wäre die Höchstnote unvermeidbar gewesen. Doch dafür ist mir gerade in der Mitte des Albums zu viel Leerlauf. Fans, die sich nicht gerne zwischen Power und Progressive Metal entscheiden, können ohne Bedenken zugreifen. Curse Of Autumn macht sich gut neben Platten von Bands wie Queensrÿche, Nevermore, Iced Earth oder auch Jag Panzer. Man muss sich an eigenen Großtaten messen lassen, nichtsdestotrotz ist die musikalische Darbietung über jeden Zweifel erhaben.

Andreas B.:
Puh, die vorab veröffentlichte The River-EP vereint die besten Songs des Albums und lässt die – in meinen Augen – schwächsten Lieder außen vor. Mehr hätte es absolut nicht gebraucht und ich kann die extremen Huldigungen für Curse Of Autumn nicht so ganz nachvollziehen. Drei absolute Ausnahmesongs sind vorhanden, aber eben auch viel Griffbrettgepose mit viel zu viel Kopf und zu wenig Seele.

Anspieltipps – Florian W.:
The Last Scar, As I Lie Awake und … And They All Blew Away

Anspieltipps – Andreas B.:
The Last Scar, As I Lie Awake und The River
Florian W.
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Andreas B.
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