Edguy: 20 Jahre The Savage Poetry – „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past

„Axe to the wax“ – wilde Poesie von der hessischen Schulbank

Wir befinden uns seit 20 Jahren in einem neuen Jahrtausend. Das legendäre Jahr hat nicht nur kalendarisch eine große Einwirkung auf uns gehabt, sondern ist das Geburtsjahr so manches Metalklassikers. In den 12 Monaten dieses Jahres wollen wir euch daher jeden Monat Alben in einer kleinen Kolumne zurück in eure Ohren bringen. Dabei wurde das Augenmerk nicht nur auf die Großen des Genres geworfen. Ein Kriterium unserer „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe ist, dass die Formation in diesem Jahr auch live unterwegs ist. Nun gibt es aber leider Corona. Von den ganzen geplanten Festivals und Touren ist nichts mehr von da. Aber: Die Band bzw. die Musiker, welche für die damaligen Bands aktiv waren, könnten ja bald wieder auf Tour gehen. So gibt es eine kleine Änderung in unserer Kolumne. Statt „On Tour“ heißt es nun eben „Could Be On Tour“.

Edguy (von links nach rechts) – Felix Bohnke, Jens Ludwig, Tobias Sammet, Dirk Sauer, Tobias Exxel.

Im folgenden Teil feiern wir sozusagen ein doppeltes Jubiläum. Vor 25 Jahren kam das erste selbstproduzierte Album Savage Poetry der hessischen Barden von Edguy auf die Welt. Fünf Jahre später, also vor 20 Jahren, nahm die Band die Songs erneut auf. Mit dem Selbstbewusstsein von zwei erfolgreichen Alben im Rücken, hauchte die Band aus Fulda dem Material neues Leben ein. Mit neuen Arrangements, teilweise neuen Texten, einer veränderten Tracklist und vor allem mit einem druckvollen Sound wurde The Savage Poetry im Juli 2000 veröffentlicht.

Das Jahr 2000: Nu Metal war auf dem Vormarsch und klassischer Metal wurde mal wieder für tot erklärt. Das hielt weder mich, noch fünf wahnsinnige Hessen davon ab, dem melodischen Power Metal zu frönen. Wie ich schon in meiner letzten Kolumne zu Dawn Of Victory schrieb, war es für mich einfach an der Zeit, „meinen“ Sound zu finden. Mit der Initialzündung der Italiener von Rhapsody im Rücken gab es so viel zu entdecken. Sei es Infinite von Stratovarius, welches Kollege Jürgen F. in unserer Mai-Ausgabe würdigte oder die ungewöhnlichen Sangeskünste, die auf dem Nightwish Highlight Wishmaster dargeboten wurden. Ich war ein Jugendlicher im Power Metal Wunderland. Da kam es mir gerade recht, dass Edguy zu der Zeit ihre Alben im Jahrestakt unters Metalvolk brachten. Wie auch schon bei Rhapsody musste die CD-Beilage meiner monatlichen Metalzeitschrift als Einstieg zur Musik von Edguy herhalten. Versteht mich nicht falsch, auch Musikstreaming hat seine Vorzüge, aber dieses Gefühl, monatlich mit neuen Bands überrascht zu werden, konnte nur besagte „CD im Heft“ bieten. Die Juli-Ausgabe dieser CD enthielt den düsteren Song Key To My Fate, dessen Genialität jedoch erst Monate später von mir wahrgenommen wurde.

Wichtige Meilensteine: Was zeichnet meine besondere Verbindung zu Edguy aus?

Zum einen wird ihnen die Ehre zu Teil, sich Platz eins meiner meistgesehenen Livekonzerte mit Blind Guardian zu teilen. Dann wäre da noch die Tatsache, dass Edguy im zarten Alter von 14 Jahren als Schülerband gegründet wurden. Meine beiden besten Kumpels und ich gründeten in ähnlich jungen Jahren ebenfalls eine Metalband. Bereits 1992 begann die steile Karriere der in Fulda gegründeten Band. Ihren Namen entliehen sie dem Spitznamen ihres Physiklehrers – Edguy waren geboren.

1994 nahm die junge Band in der Besetzung Tobias Sammet (Gesang, Bass, Keyboard), Jens Ludwig (Gitarre), Dirk Sauer (Gitarre) und Dominik Storch (Drums) die Demos Evil Minded und Children Of Steel auf Kassette auf. Erster Funfact: Auf dem zweiten Demotape gibt es u. a. den Song Das Reh zu hören, frei nach einem Gedicht von Heinz Erhardt. Zweiter Funfact: Ganz zu Anfang spielte Tobi Sammet die Basslinien auf dem Keyboard, ebenso ersetzte zeitweise ein Keyboard die Drums bei unserer Schülerband.

1995 folgte die selbst finanzierte erste Version von Savage Poetry (damals noch ohne „The“), die den Jungs einen Plattenvertrag bei AFM Records bescherte. Wer die originale Auflage besitzt, kann sich über einen wahren Schatz freuen – bis zu 1.000 € bringt das gute Stück unter Sammlern. Wer den rumpeligen Charme und die unreife Stimme von Meister Sammet (Negativbeispiel: Sands Of Time) hören möchte, dem sei eine Suche bei YouTube ans Herz gelegt. Für das offizielle AFM-Debüt Kingdom Of Madness bekamen die Edguys sogar Unterstützung von Grave Digger Legende Chris Boltendahl. Dem über 18-minütigen Song The Kingdom lieh er seine unverwechselbare Stimme. Zudem gab es in dem Song erste Querverweise zum späteren Avantasia Interlude Maleus Maleficarum. Denselben Albumtitel trägt übrigens auch das erste Werk der Engländer Magnum, dessen bekennender Fan Sänger Tobi Sammet ist. Die Wege der Bands sollten sich später noch häufiger kreuzen. So coverten Edguy den Magnum-Klassiker The Spirit und Sänger Bob Catley ist mittlerweile Stammgast bei Sammets Avantasia. Sammet war wiederum Gastsänger auf dem Magnum Song Lost On The Road To Eternity. Ungeachtet der immer noch blutjungen Herren und ihres Major-Debüts, gehört Kingdom Of Madness aufgrund seiner flachen Produktion und der unsicheren Stimme Sammets zu den schwächeren Alben der Band. Umso erstaunlicher ist die rasante Entwicklung des Gesangs und der gesamten Band nur ein Jahr später auf dem Nachfolger Vain Glory Opera, für dessen Titelsong und Out Of Control kein geringerer als Blind Guardian Sänger Hansi Kürsch gewonnen werden konnte. Zum Livekracher Vain Glory Opera sagt Sammet gerne mit einem Augenzwinkern: „Den haben wir schamlos bei Europe geklaut“.

Felix Bohnke/Edguy – Markthalle, Hamburg 2017

Drummer Dominik Storch tauschte vor den Aufnahmen die Sticks gegen das seriöse Berufsleben. Während in der Studioversion Frank Lindenthal fungiert, besetzt Felix Bohnke den Posten am Schlagzeug bis heute. Da sich Tobi Sammet für die anstehende Tour voll auf den Gesang konzentrieren wollte, übernahm Tobias „Eggi“ Exxel fortan den Bass. Mit der neuen Rhythmusfraktion im Gepäck bestand die Band ihre Feuertaufe auf der Europatournee mit Iron Saviour und ihrem ersten Auftritt auf dem Wacken Open Air. Obwohl die Band und vor allem Sänger Tobi Sammet in der Metalszene polarisierten, war der erste Meilenstein gesetzt.

Wiederum nur ein Jahr später machte die Band einen weiteren Schritt nach vorne. Mit Theater Of Salvation eroberten die Hessen erstmals die deutschen Charts und gewannen neue Fans auf der Europatournee mit Hammerfall. Im Jahr 2000 beschäftigte sich Tobi Sammet zum ersten Mal mit dem Songwriting zu seinem Projekt Avantasia. Da er sehr viel Zeit damit verbrachte, beschloss die Band zunächst kein neues Edguy Album aufzunehmen, sondern auf vermehrte Nachfrage der Fans ihr inoffizielles Debüt Savage Poetry neu aufzulegen. Wie eingangs erwähnt, ließ es sich die Band nicht nehmen, die Songs im bis heute bestehenden Line-Up erneut einzuspielen. Wer sich die Mühe gemacht hat, die alte Version zu hören oder sogar die Neuveröffentlichung inklusive des alten Materials als Bonus besitzt, wird seinen Augen und Ohren kaum trauen. Für meinen Geschmack kann die Neueinspielung locker in einem Atemzug mit anderen Edguy Großtaten genannt werden. Glasklarer und druckvoller Sound, aufgenommen in den Rhoen Studios in Fulda und gemixt und gemastert in den Finnvox Studios, wo Mikko Karmila und Mika Jussila schon den einen oder anderen Power Metal Klassiker veredelt haben. Als Erstes fällt das neue wundervolle Coverartwork auf, welches das biedere „Mauer im Nebel“ Design des Originals ersetzte. Der für das neue Cover verantwortliche Künstler Jeans-Pascal Fournier (u. a. Avantasia, Immortal, Elvenking) machte im April dieses Jahres negative Schlagzeilen, weil er seinen Vater auf brutale Weise ermordet haben soll (Artikel: Klick). Neben dem mittlerweile unfassbar starken Gesang von Tobi Sammet möchte ich vor allem den Gitarristen Jens Ludwig und Schlagzeuger Felix Bohnke hervorheben. Beide halte ich für sträflich unterbewertet. Ebenfalls gut zur Geltung kommt der Bass von Eggi. Wer Edguy mal live erlebt hat, wird bestätigen, mit wie viel Energie, Können und Spaß die Jungs auf der Bühne agieren. Bohnke ist seit einigen Jahren auch als Live- und Studiodrummer für Avantasia tätig. Ralf Zdiarstek, auch als Sänger bei Avantasia tätig, übernahm den Backgroundgesang. Fuldas bekanntester Klavierspieler Frank Tischer zeichnete für die Pianoklänge in Sands Of Time verantwortlich.

The Savage Poetry Tracklist:

  1. Hallowed
  2. Misguiding Your Life
  3. Key To My Fate
  4. Sands Of Time
  5. Sacred Hell
  6. Eyes Of The Tyrant
  7. Frozen Candle
  8. Roses To No One
  9. Power And Majesty

Was gibt es generell zu den Songs zu sagen? Nach 20 Jahren kommen die Songtexte immer noch ohne Umschweife von meiner Gedankenfestplatte. Unglaublich starke Texte, wenn man bedenkt, dass Sammet sie im Teenageralter geschrieben hat. Und die Musik macht nach wie vor sehr viel Spaß, genauso wie das Nachspielen einiger Songs damals im Proberaum. Während ich mich auf der CD des Metalmagazins noch schwer mit Key To My Fate anfreunden konnte, gehört er mittlerweile zu meinen absoluten Favoriten der Band. Genauso dazu zählen Highspeed-Granaten wie Misguiding Your Life, Sacred Hell und Frozen Candle oder epische Songs wie Eyes Of The Tyrant. Nicht zu vergessen die Herzschmerzballade Roses To No One oder das witzige Gejodel (!) in Power And Majesty. Bei einer aktuellen Rezension würde das Album ganz klar an der Höchstmarke kratzen. Da ich auf lustige Zufälle stehe, passt der Folgende wie die Faust aufs Auge: Nachdem ich einige dieser Zeilen schrieb und meinen Feierabend mit der Tobias Sammet Rockshow auf Radio Bob! verbrachte, spielte er doch tatsächlich den The Savage Poetry Opener Hallowed, nebst einer Anekdote zur Entstehung des Albums – wenn das kein Zeichen ist!?

Wie steht es aktuell um Edguy?

Während Mastermind Tobi Sammet aktuell am neunten Avantasia Album schreibt, sind Edguy seit dem 2017er Best-of Monuments sozusagen „on hold“. Da er den größten Teil aller Edguy Songs verzapft, müssen sich die anderen Bandmitglieder wohl mit der Situation abfinden. Obwohl ich Leuten wie Jens Ludwig durchaus mehr Verantwortung zutrauen würde – aber wer kennt schon die genauen Machtverhältnisse der Band. Einen klitzekleinen Unterschied zwischen Edguy und unserer Schülerband gibt es zum Abschluss meiner Kolumne doch noch: Während Edguy die großen Bühnen dieser Welt eroberten und Meisterwerke wie Mandrake oder Hellfire Club aufnahmen, saßen meine Kumpels und ich beim Bierchen zusammen und dachten an die gute alte Zeit im Proberaum zurück.

Die weiteren Ausgaben der kleinen Serie:

Lest hier auch die Januar-Ausgabe unserer „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: Hammerfall: 20 Jahre Renegade

Hier kommt ihr zur Februar-Ausgabe unserer „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: Destruction: 20 Jahre All Hell Breaks Loose

Klick hier für die März-Ausgabe unserer „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: Papa Roach: 20 Jahre Infest

In der April-Ausgabe gab es in der „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: The Offspring: 20 Jahre Conspiracy Of One

Schaut euch auch die Mai-Ausgabe der „On Tour“ Today With Music From The Past Reihe an: Iron Maiden: 20 Jahre Brave New World

In der zweiten Mai-Ausgabe wurden Stratovarius mit „Could Be On Tour Today With Music From The Past” und Infinite vorgestellt

Für die Juni-Ausgabe, hatten wir uns Virgin Steele mit „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past und The House Of Atreus Act II  vorgenommen.

Hier kommt ihr zur ersten Juli-Ausgabe unserer „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: Limp Bizkit: 20 Jahre Chocolate Starfish And The Hot Dog Flavored Water

Die zweite Juli-Ausgabe von „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past beschäftigt sich mit Linkin Park und Hybrid Theory

In der August-Ausgabe gab es eine Doppelpack in einer Story von „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past, es geht um zwei Bands aus Göteborg, Haven von Dark Tranquillity und Clayman von In Flames

In der Oktober-Ausgabe von „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past geht es um die Mitbegründer des Progressive Metal, Fates Warning und ihr Werk Disconnected

In der ersten November-Ausgabe von „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past widmen wir uns den Dänen Pretty Maids und ihrem Album Carpe Diem.

Hier kommt ihr zur zweiten November-Ausgabe unserer „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past Reihe: Rhapsody: 20 Jahre Dawn Of Victory

Im dritten Teil unserer November-Ausgabe unserer „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past Reihe wird das Album Verlierer Sehen Anders Aus der Düsseldorfer Punkrocker Broilers beleuchtet.

Weitere Beiträge
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