Lacrimas Profundere: 20 Jahre Burning: A Wish – „Could Be On Tour“ Today With Music From The Past

Atmosphärischer Dark Rock im Stile von Anathema, Katatonia und My Dying Bride

Auch dieses Jahr geht es weiter mit unserer Reihe „On Tour“ Today With Music From The Past. Ein Kriterium war ja, dass die Formation im „Geburtstagsjahr“ des Albums auch live unterwegs ist. Nun gibt es aber leider Corona. Von den ganzen geplanten Festivals und Touren ist nichts mehr da. Aber: Die Band bzw. die Musiker, welche für die damaligen Bands aktiv waren, könnten ja bald wieder auf Tour gehen. Daher heißt es weiterhin: „Could Be On Tour“.

Wie die Zeit rennt. Da sind doch schon glatt 20 Jahre ins Land gezogen, als Lacrimas Profundere, eine meiner favorisierten Dark Rock Bands, sich eben diesem Genre zuwandten. 2001 erschien ihr Album Burning: A Wish, das nicht nur national, sondern auch international für erhöhte Aufmerksamkeit sorgte. Das zuvor erschienene dritte Album Memorandum wurde noch eher dem Gothic Rock zugeordnet, heimste aber bereits viele positive Resonanzen ein und ließ bereits ahnen, dass es in eine etwas andere Richtung gehen sollte. Mit ihrem vierten Album stellte sich dann auch der verdiente Erfolg ein.

Gegründet wurden Lacrimas Profundere 1993 von Oliver Nikolas Schmid (bis heute einziges ständiges Bandmitglied) und wurden noch im selben Jahr durch seinen Bruder Christopher verstärkt. Der zeichnete vor allem für die Lyrics verantwortlich, während Oliver die dazugehörige Musik beisteuerte. Das Projekt konnte sich noch nicht richtig entscheiden und so gab es unterschiedliche Besetzungen, bis 1995 das Debüt ….And The Wings Embraced in Eigenregie veröffentlicht wurde. Das noch deutlich dem Gothic Rock zugeordnete Album wurde von der Presse musikalisch mit der Band My Dying Bride verglichen, erreichte aber nur mäßige Aufmerksamkeit. Der zweite Longplayer, La Naissance D’un Reve schlug in die gleiche Kerbe, erzeugte noch immer nicht viel mehr Interesse. Napalm Records erkannte da allerdings bereits das Potenzial und nahm die Band unter ihre Fittiche. So konnte das dritte Album mit mehr Promotion beworben werden und bekam die angedachte positive Resonanz. Tja, und dann erschien 2001 eben Burning: A Wish, das einen stilistischen Wandel mit sich brachte und dadurch der Band den verdienten Erfolg bescherte. Es folgten in den kommenden Jahren Fall, I Will Follow, Ave End und Filthy Notes For Frozen Hearts, welche die Bekanntheit immens steigerten und eine treue, dem Dunkel zugetane Fanbase verhalf der Band zur bis heute anhaltenden Karriere. Dazu kamen erfolgreiche Tourneen mit Paradise Lost oder Amorphis, die natürlich genau dem richtigen Genre angehörten und Lacrimas Profundere in die richtige Richtung katapultierten. Auch das M’era Luna hieß die Düster Rocker willkommen und so waren sie ab 2007 regelmäßig zu Gast auf dem Festival. Der Ausstieg von Sänger Christopher als aktives Mitglied war zwar einschneidend, aber mit Roberto Vitacca wurde ein gleichwertiger Ersatz gefunden. Trotz nicht mehr so positiver Rezensionen bei den Magazinen blieb die Popularität erhalten und gerade in Südamerika, Asien und auch in Europa feierte die Truppe Erfolge und trat bei den typischen Festivals auf. Christopher blieb der Band im Hintergrund erhalten und zeichnet bis heute für das Songwriting mitverantwortlich. Nach den Alben The Grandiose Nowhere und Hope Is Here, wurde 2018 erneut ein neuer Sänger vom scheidenden Roberto vorgestellt. Der stellt auf dem M’era Luna Festival Julian Larre vor, der seitdem die Frontsau am Bühnenrand und auch gern mal davor darstellt. Fast gleichzeitig verließen Gitarrist Tony Berger und die Rhythmuscrew, bestehend aus den Zwillingen Clemens und Christoph Schepperle, die Band. Mit der letzten erfolgreichen Platte Bleeding The Stars (Review hier) haben sich die zum Trio geschrumpften Lacrimas aber erneut einen Namen machen können. Auch live konnten sie überzeugen, wie auf dem Rockharz 2019 (Interview mit Oliver und Julian hier) und der anschließenden Tour mit The 69 Eyes bewiesen wurde, bei der sie Bleeding The Stars promotet haben (Konzertkritik hier).

Nun aber noch mal ein Blick auf Burning: A Wish. Zunächst beschäftigte ein Line-Up-Wechsel die Band. Bassist und Drummer verließen gleichzeitig die Formation und so kamen Rico Galvagno und Willi Wurm von Darkseed dazu. Das verlieh der Band zusätzliche Energie und auch eine weitere Facette, die sich dann ebenfalls im bereits begonnenen Stilwechsel wiederfand. So wurden die Ansätze des letzten Albums Memorandum konsequent fortgesetzt und Schwermut und Trostlosigkeit sind allgegenwärtig zu hören. Wer sich dabei an Katatonia oder auch Anathema Scheiben erinnert fühlt, der liegt hier richtig. Christopher Schmid stellt seinen Gesang etwas in den Hintergrund, sein bis dato härterer Gesangsstil wurde weicher und auch Cleangesang kam wesentlich öfter zum Einsatz. Das tat dem gesamten Gefüge gut.

Bereits der Opener Melantroduction zeigt, was Sache ist. Melancholie pur. Jeder Takt lädt zum immer tiefer Sinken in eine nicht enden wollende Depression ein. Dazu passen dann die im Hintergrund einsetzenden weiblichen Stimmen, die noch mehr Verzweiflung verkünden. Christopher versteht es, diesen in die Tiefe ziehenden Schwermut in Worte zu fassen und führt durch den quälenden Sumpf, bis man sich bereits am Grund wähnt. Mit Without, dem zweiten Track, der sich nahtlos anschließt, wird es zwar etwas besser, aber die Grundtendenz zu Trauer und Trostlosigkeit ist weiterhin allgegenwärtig. Auffällig an dieser Stelle ist Oliver Nikolas, der an der Gitarre einen wunderbaren Job macht. Zur damaligen Zeit schufen sich Lacrimas Profundere eindeutig ihren Platz in der Reihe der bereits angesprochenen Bands Katatonia, Anathema und My Dying Bride. Dem Vergleich konnten sie sich auf Augenhöhe stellen, auch wenn man ihnen diese Nähe ggf. als Abkupfern vorwerfen könnte. Es geht dann so im Takt weiter. Mal etwas weniger Schmerz, mal etwas mehr Melancholie, aber immer wieder schöne Melodien wie z.B. bei Adorer And Somebody oder A Summer’s End und auch bei Solicitude, Silence lassen einen die Platte mit wachsender Begeisterung immer wieder im Player rotieren. Dazu verstärken dezente Pianopassagen, von Christian Steiner beigesteuert, die ansprechenden Melodien und legen sich wohlwollend dahinter. Das führt natürlich zu einer weiteren Steigerung des allgegenwärtigen Schwermuts, der einen bis in die letzte Faser schon fast verzweifeln lässt. Gerade Solicitude, Silence schafft es, durch diese Konstellation und der langen Spielzeit zu einem meiner Highlights auf der Platte zu werden. Zeitweise verfällt Christopher noch in leichtes Growlen, was an dieser Stelle außerordentlich wirksam ist. Nikolas an der Gitarre fügt betörende Klangbilder bei und die Rhythmusabteilung mit Willie Wurm und Rico Galvagno liefert nicht nur bei diesem Track durchweg fett ab. So vergehen die sechs Minuten in angenehmer Endzeitstimmung. Wäre ich anfällig für diesen Schmerz, die Trauer und die damit einhergehende Stille, die Tempopackung wäre mein bester Freund geworden. Aber so gefällt mir die Musik einfach und der letzte Satz im Track: „I hope that we broke the silence.“, lässt Hoffnung aufkommen.

Nach dem nicht ganz so überzeugende 2 Sec And A Tear folgt mit Lastdance ein weiterer etwas schnellerer Song, der mal wieder mit dem Verlassen werden und der daraus entstehenden Leere berichtet. Das wird musikalisch gut umgesetzt und dürfte dem melancholischen Goth-Anhänger aus der Seele sprechen. Hier wird Schwarz noch dunkler und die immer wieder betörenden Pianopassagen treiben einen in die Unendlichkeit des Träumens. Die durchgängige Melancholie ist in fast allen zehn Stücken zum Greifen nah und treibt einen an den Rand des Erträglichen. Nach dem abschließenden Re-Silence bleibt die Erkenntnis, dass 2001 den Jungs um die Schmid-Brüder ein eindrucksvolles Album gelungen ist. Das hohe Niveau konnte mit den folgenden Alben gehalten werden, was die Popularität von Lacrimas Profundere nachhaltig stärkte. Ab Filthy Notes For Frozen Hearts konnten die Lacrimas sich auch über einen Einstieg in die Charts freuen. Das sollte sich mit den folgenden Alben wiederholen, wobei die Kritiken nicht mehr ganz so positiv ausfielen, was der Band aber in keiner Weise schadete. Die Jünger des Genres hielten stets zu ihnen und sind bis heute der Truppe um Oliver Nikolas Schmid, Julian Larre, Dominik Scholz und seit 2019 auch Bassist Ilker Ersin zugetan.

Ich hab mich ab dem Weggang von Christopher schwergetan mit Lacrimas Profundere, was weniger an der Musik lag, sondern eher an meinem Wechsel zum melodiösen Metal. Mit Bleeding The Stars wurde ich wieder mehr mit den „Tränen Vergießenden“ (lat. Lacrimas Profundere) konfrontiert und finde die Musik wieder spannend. Somit kann ich das nun 20 Jahre alte Burning: A Wish nur empfehlen und auch die nachfolgenden Alben verdienen es, mal wieder gehört zu werden.

Einen Auszug aus der bereits nicht mehr so ganz kleinen Serie findet ihr hier:

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